Kopf des Tages

Sibylle Berg - die vielschreibende Kultfigur erkundet die Abgründe

Mit ihren hochgesteckten roten Haaren, ihren mit prominenten Gästen inszenierten Bühnenauftritten und ihrer scharfzüngigen Kolumne auf "Spiegel online" hat sich die Autorin Sibylle Berg in den vergangenen Jahren zur Kultfigur gemausert. Ihr aktueller Roman "GRM - Brainfuck" findet sich auch hierzulande in den Top 10 der Bestseller-Listen, nun feiern zwei ihrer Theaterstücke in Wien Premiere.

Autorin Sibylle Berg. SN/dpa
Autorin Sibylle Berg.

Die 56-jährige Autorin, die für "GRM" ein Jahr lang mit Wissenschaftern gesprochen und in England recherchiert hat, um auf über 600 Seiten der Frage nachzugehen, wohin sich die gegenwärtige Gesellschaft bewegt, ist für ihre zornig-düsteren Analysen von Gegenwart und (naher) Zukunft bekannt. Für "GRM" wählte sie den britischen Musikstil "Grime" als Motiv, um ein Bild einer Jugend zwischen digitalem Überwachungsstaat und sozialer Hoffnungslosigkeit zu zeichnen, das sie explizit nicht als Dystopie verstanden wissen will. "Grime" dient dabei als revolutionärer Anker in einer Welt, die die Protagonisten so nicht mehr hinnehmen wollen.

Sibylle Berg, deren Twitter-Bio aus dem Satz "Kaufe nix, ficke niemanden" besteht, hat in 20 Jahren ein Dutzend Romane und doppelt so viele Theaterstücke veröffentlicht, in ihrer "Spiegel online"-Kolumne "Fragen Sie Frau Sibylle" nimmt sie heiter-sarkastisch im Zweiwochenrhythmus Stellung zu (tages-)politischen Themen. Dabei sieht sie sich selbst nicht als Vielarbeiterin, wie sie im APA-Interview verriet: "Ich langweile mich, wenn ich nicht an irgendwelchen Dingen arbeiten kann. Ich kann sehr gut mal eine Woche nichts machen, also lesen, Serien schauen, Bäume angucken, aber dann wird's mir fad. Und wenn man einen normalen 8-Stunden-Arbeitstag als Basis nimmt, kommen dann halt 25 Stücke und 15 Bücher raus. Soviel ist das auch nicht."

Der Weg an die Spitze der Bestselleristen war jedoch ein langer. Geboren am 2. Juni 1962 in Weimar, machte die Tochter eines Musikprofessors und einer Bibliothekarin nach der Schule eine Ausbildung als Puppenschauspielerin. Als sie 1984 die Ausreise aus der DDR beantragte, verlor sie ihren Arbeitsplatz am Naumburger Puppentheater. Nach der Bewilligung zur Ausreise kam sie zunächst in einem West-Berliner Notaufnahmelager unter, später verbrachte sie drei Monate an einer Akrobatenschule im Schweizer Tessin, bevor sie schließlich nach Hamburg zog und Ozeanografie und Politikwissenschaften studierte. In dieser Zeit begann Berg auch, für Magazine zu schreiben und an ersten literarischen Texten zu feilen.

Im Jahr 1992 bildete ein Autofall eine Zäsur im Leben der Autorin, die in Folge mehrfach im Gesicht operiert werden musste. 1996 schließlich zog sie nach Zürich, ihre Traumstadt, im Jahr darauf erschien ihr Romandebüt "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot", das sich über 100.000 mal verkaufte und 1999 in Stuttgart als Dramatisierung auf die Bühne kam. Im Jahr darauf trat Berg erstmals als Theaterautorin in Erscheinung: Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Niklaus Helbling in Bochum für ihr Theaterdebüt "Helges Leben" trug ihr im Jahr 2000 eine Einladung zum Theaterfestival Mülheim ein. Es folgten Stücke wie "Schau, da geht die Sonne unter" (2003), "Das wird schon! Nie mehr lieben" (2004) oder "Nur nachts", das Helbling 2010 am Wiener Burgtheater zur Uraufführung brachte.

Nach ihrer jahrelangen Zusammenarbeit mit Helbling wurden ihre Stücke seit 2013 in der Regie von Sebastian Nübling schließlich am Maxim Gorki Theater in Berlin uraufgeführt, darunter "Und jetzt: die Welt! Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen", das 2014 von "Theater heute" zum Stück des Jahres gewählt wurde. In Wien ist nun ab 11. Mai der dritte Teil der Serie "Menschen mit Problemen" zu sehen: Felix Hafner inszeniert "Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause" rund um eine intergalaktische Castingshow in einer Zukunft voller politischer Spannungen und kriegsähnlichen Unruhen.

Bei den Wiener Festwochen folgt am 24. Mai die Uraufführung von Bergs jüngstem Stück "Hass-Triptychon oder Wege aus der Krise", das von Ersan Mondtag in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater inszeniert wird. "Das Werk erzählt in aberwitzig-brutalen Szenen von Missgunst, Ressentiments, Zorn und Zerstörungswut, die sich durch alle Gesellschaftsschichten ziehen", heißt es in der Ankündigung. Als zentrale Figur der Inszenierung beschreibt und kommentiert ein "Hassmaster" das Geschehen. "Mir gefiel das Musical-Element dabei, ein Erzähler, Erklärer, ich mag so etwas", erklärt sie die Figur im APA-Gespräch.

Immer wieder führte Sibylle Berg, die auf Social Media sehr aktiv ist und der auf Instagram fast 28.000 und auf Twitter über 86.000 Menschen folgen, auch selbst Regie: 2013 trat sie als Co-Regisseurin bei der Uraufführung ihres Stückes "Angst reist mit" am Schauspiel Stuttgart in Erscheinung. Die Uraufführung ihres Stückes "How to sell a Murder House" mit Caroline Peters und Marcus Kiepe fand im Oktober 2015 am Theater am Neumarkt Zürich statt. Seit 2013 hat Berg einen Lehrauftrag an der Zürcher Hochschule der Künste im Bereich Dramaturgie. Doch das Theater hindert Berg nicht daran, weiterhin erfolgreiche Prosa zu schreiben. 2015 erschien "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand", im Jahr darauf die Betrachtung "Wunderbare Jahre. Als wir noch die Welt bereisten", in der sie sich mit den geänderten Umständen beim Reisen - von der einstigen Vorfreude hin zur heutigen Angst vor Krieg und Terror - beschäftigt.

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