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Simba und Lula: Die letzten Überlebenden im Zoo von Mosul

Ein bestialischer Aas-Gestank liegt über dem gesamten Tierpark. Die letzten Bewohner des Al-Nur-Zoos von Mosul, der Löwe Simba und die Bärin Lula, laufen unruhig auf und ab in ihren Käfigen. Ihr Fell ist mit Schlamm und Kot beschmutzt. Amir Khalil bedeckt sein Gesicht mit einem Mundschutz.

"Seit Wochen hat niemand die Käfige betreten. Sie sind sehr dreckig", sagt der Veterinär von der Organisation Four Paws ("Vier Pfoten"). "Es ist unmenschlich, den König des Dschungels hier zu lassen."

Vorsichtig zieht Khalil eine Betäubungsspritze auf, die er Simba mit einem Blasrohr in die Flanke schießt. Brüllend wirft sich das stolze Tier, benannt nach dem Helden des Zeichentrickfilms "Der König der Löwen", gegen die Käfiggitter. Jetzt liegt der sedierte Held ausgestreckt auf dem Boden.

Helfer wuchten den Löwen für eine Untersuchung auf eine Plastikdecke. Unter den neugierigen Blicken einer Gruppe kichernder Kinder und dreier Soldaten hört Khalil das Tier mit einem Stethoskop ab, während sein Team den verdreckten Käfig säubert.

Eine Explosion in der Ferne lässt die Vögel in den Bäumen verstummen, den ägyptisch-österreichischen Tierarzt bringt sie nicht aus der Ruhe. Der 52-Jährige ist Kriegsschauplätze gewohnt. Zum ersten Mal kam er in den Irak, als die US-Streitkräfte 2003 einmarschierten. Damals kümmerte er sich um die neun Löwen des gestürzten Machthabers Saddam Hussein.

Gleich zu Beginn des Kriegs sei die Hälfte der Tiere aus dem Zoo verschwunden, berichtet Abu Omar, der Eigentümer des kleinen Geheges. Ständig gab es Raketenangriffe und Feuergefechte, dann eine Ausgangssperre, die Pfleger hätten noch nicht einmal zum Füttern in den Zoo gehen können. "Einige sind krank geworden und dann gestorben, oder sie haben sich gegenseitig gefressen, weil sie sonst vor Hunger gestorben wären. Nur der Bär und der Löwe haben überlebt."

Zwar haben die irakischen Streitkräfte im Jänner die Kontrolle über den Osten der Stadt, in dem sich der Zoo befindet, zurückgewonnen, doch die Kämpfe toben weiter. Am Wochenende begannen die irakischen Truppen mit einer neuen Offensive, um auch den Westteil und damit die letzte Bastion der Jihadistenmiliz zurückzuerobern.

Hunderttausende Bewohner leiden in Mosul Hunger, viele haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung - doch für Khalil ist klar, dass auch die Tiere versorgt werden müssen. "Sie sind hier gefangen, unseretwegen. Und sie haben nicht den Luxus zu fliehen. Sie verdienen, dass sich jemand um sie kümmert", findet der Tierarzt.

Nach Simba ist Lula mit der Untersuchung dran. Die Diagnose fällt düster aus: Wegen Mangelernährung hat die Bärin Durchfall, zudem leidet sie unter Problemen an Zähnen, Maul und Hautverletzungen. Einen Monat lang wollen sich die Tierschützer um die letzten Überlebenden des Zoos kümmern. In der Hoffnung, dass Zoobesitzer Abu Omar es bis dahin schafft, das Geld für ihre Versorgung selbst aufzubringen.

Doch derzeit dürfte wohl kaum ein Bewohner Mosul die Zeit und das Geld haben, den Zoo zu besuchen. Und dennoch: Abu Omar denkt schon an die Zukunft seiner Schützlinge. Seit zweieinhalb Jahren habe Lula ihren Partner nicht gesehen, der sich auf der anderen Seite des Tigris befinde. "So Gott will, sind die beiden bald wieder vereint."

Quelle: Apa/Ag.

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