International

Staatsfeind in Hausschuhen - Fethullah Gülens Leben im Exil

Schwere Tränensäcke haben sich unter den Augen von Fethullah Gülen gebildet. Der rechte Fuß ist um den Knöchel geschwollen, die Knie wollen nicht mehr so richtig, der Rücken schmerzt. Der Staatsfeind Nr. 1 in der Türkei, von Präsident Recep Tayyip Erdogan gar zur Gefahr für das gesamte Weltgefüge stilisiert, ist ein kranker, alter Mann.

Staatsfeind in Hausschuhen - Fethullah Gülens Leben im Exil SN/APA (AFP)/SELAHATTIN SEVI
Fethullah Gülen lebt in den USA.

Gezeichnet von Jahrzehnten auf der Flucht, immer neuen Anschuldigungen, aber auch dem eigenen Drang, immer dort mitzumischen, wo es in Sachen türkischer Staat irgendwie brennt. Die Regierung Erdogans macht Gülen direkt für den Putschversuch in der Türkei vom 15. Juli verantwortlich. Der Prediger mit der auffallend großen Nase weist jede Schuld von sich. Noch am Tag des Coups in der Türkei meldete er sich aus dem Exil in Pennsylvania zu Wort und verurteilte das Geschehen als falsch.

Seine Entourage tut alles, um Gülen als Mann des Glaubens, nicht der Politik darzustellen. Er schaue kaum fern, lese wenig Zeitung, mit den Sozialen Netzwerken habe er nichts am Hut, heißt es aus Gülens Umfeld. Er wolle sich mit Allah auseinandersetzen, nicht mit der aktuellen Lage in der Türkei. Dafür weiß Gülen erstaunlich gut Bescheid.

Seit 16 Jahren lebt der 78-Jährige in den USA, abgeschieden, mitten in den vielbesungenen Blue Ridge Mountains. Seine Leute zeigen eifrig das Zimmerchen des großen Predigers vor. Das Fell eines schwarzen Schafes auf dem Schreibtischsessel, im Nachtschränkchen hängen Gebetsketten. Vor dem Gebetsteppich steht aufgeschlagen ein Koran. Im Regal nebenan liegen aufgereiht die Medikamente, die Gülen einnimmt.

Doch Gülen wohnt dort schon seit zwei Jahren nicht mehr. Das Holzhaus sei nicht mehr sicher genug, er ist in ein neu gebautes Haus aus Backstein umgezogen, nur ein paar Schritte entfernt. Für seine Räume zahle er Miete, ihm selbst gehöre nichts, außer seinen Büchern, wird kolportiert. Über seinem Bett hängt ein Bild, auf dem in osmanischer Schrift das Wort "Nichts" zu lesen ist.

Beide Gebäude liegen auf der Anlage eines ehemaligen Ferienheimes, zehn Hektar groß. 1993 haben Hizmet-Leute aus New York das Areal mit eigenem See und Fußballplatz gekauft, um türkischstämmigen Kindern die Schulferien zu versüßen. Heute kommen Hizmet-Anhänger aus aller Welt nach Saylorsburg, auch aus Deutschland. Bis zu 100 können unterkommen, Mustafa, ein älterer Türke, bedient sie in der Kantine.

Es wird gebetet und über den Schriften gebrütet. Fethullah Gülen geht kaum mehr aus dem Haus, das mit Videokameras und Schranke gesicherte Grundstück verlässt er nicht mehr, die Türkei ist für den alten Mann zum Traum und Alptraum zugleich geworden. "Die Heimat hat immer einen besonderen Platz im Herzen", sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Er sehne sich nach der Türkei und wenn er einst sterbe, möchte er in der Heimaterde begraben werden, nahe seiner Mutter.

Zu Lebzeiten wird Gülen die Türkei nach Lage der Dinge nicht mehr zu Gesicht bekommen, will er nicht Gefahr laufen, sofort festgenommen zu werden. Die Türkei fordert seine Auslieferung, die USA halten bisher zu dem Mann, dem vorgeworfen wird, den Staatsapparat der Türkei über den gezielten Einsatz seiner Leute massiv manipuliert zu haben. "Das sind Türken. Infiltriert kann nur von außen werden", sagt Gülen dazu.

Um die Inhalte eines amerikanisch-türkischen Auslieferungsabkommens dürften jedoch bald Gerichte ringen. Das Abkommen schließt politische Verbrechen als Auslieferungsgrund aus. Weswegen die Türkei kistenweise Beweismittel für andere Straftaten Gülens geschickt hat. Das Verfahren kann Jahre dauern. "Ich habe mich entschieden hier zu bleiben, solange, bis sie mir sagen, ich soll gehen", sagt Gülen. Er habe Einladungen mehrerer Staaten erhalten. Doch in den USA habe er "Frieden gefunden".

Frieden - nach einem Leben, das vom Kampf geprägt war. "Ich habe mehrere Putsche in der Türkei erlebt und jedes Mal wurde ich vom Militär unter Druck gesetzt", sagt Gülen. Zunächst Imam, dann Wanderprediger, wurde er zum Oberhaupt einer Bewegung, die zu immenser Stärke heranwuchs. Bis zu 15 Prozent der Bevölkerung in der Türkei, vor allem besser Gebildete, sollen der Hizmet-Bewegung Gülens angehören, dazu Zehntausende im Ausland.

Hizmet-Leute gründeten mehr als 1.000 Schulen in 170 Ländern der Welt. "Es gibt keine zentrale Organisationsstruktur, es ist nicht so, dass Gülen die Fäden in der Hand hat", sagt Ercan Karakoyun, ein Gülen-Mann und Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung in Berlin. Islamwissenschaftler haben Zweifel an der dezentralen Organisation.

Ein Islam, der sich auf Bildung stützt, der mit den anderen Weltreligionen im Frieden existiert, der Frauen kein Kopftuch aufzwingt und Männern die Hausarbeit erlaubt - für diesen Islam wirbt Gülen. Er traf sich mit Papst Johannes Paul II. und mit jüdischen Rabbis. Seine Kritiker sehen in Gülen einen gefährlichen Islamisten, der nur nach außen den Versöhner gibt. Wer den Mann heute sieht, mit seinen ledernen Hausschuhen und dem karierten Hemd - dem fällt es schwer, ihm den Drang zur Weltherrschaft zu unterstellen.

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 12.12.2018 um 06:11 auf https://www.sn.at/panorama/international/staatsfeind-in-hausschuhen-fethullah-guelens-leben-im-exil-1027336

Schlagzeilen