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Streit um die Obdachlosen vor der Prinzenhochzeit

Ein Lokalpolitiker fordert, Obdachlose vor Prinz Harrys Hochzeit aus Windsor zu verbannen und löst Ärger aus. Doch das Thema betrifft nicht nur Windsor. Das Parlament spricht von einer nationalen Krise.

Harry und Meghan: Rund um ihre Hochzeit werden auch die Obdachlosen in Windsor zum Thema. SN/afp
Harry und Meghan: Rund um ihre Hochzeit werden auch die Obdachlosen in Windsor zum Thema.

Vor dem blauen Himmel weht die Fahne Großbritanniens, in den Schaufenstern der Souvenir-Läden winken Queen-Figürchen, und goldene Zaunspitzen strahlen in der Sonne: Windsor ist ein idyllischer Ort und bei Touristen beliebt. Die meisten kommen, um das Schloss im Ortskern zu besichtigen.

In der Residenz westlich von London verbringt die 91-jährige Königin Elizabeth II. viel Zeit. Und dort wird Prinz Harry (33) am 19. Mai die US-Schauspielerin Meghan Markle (36) heiraten. Zu diesem Anlass werden besonders viele Besucher aus aller Welt erwartet. Doch die hübsche Stadt an der Themse mit rund 32 000 Einwohnern ist nicht nur Touristenmagnet, sie hat auch eine ganz andere Seite.

Entlang der Einkaufsstraße, die hinter den Mauern um das imposante Schloss Windsor entlangführt, haben rund zehn Obdachlose ihre Lager aufgeschlagen. Einige suchen in Bushaltestellen Schutz vor dem eisigen Januar-Wind. Andere haben sich auf dem Bürgersteig vor den Schaufenstern der Läden und Restaurants niedergelassen.

Schöne Stadt im "unverteilhaften Licht"?

Genau diese Seite von Windsor hat jüngst für Schlagzeilen gesorgt. Der konservative Kommunalpolitiker Simon Dudley hatte gefordert, dass Obdachlose vor der royalen Hochzeit aus der Stadt verbannt werden sollten. In einem Brief an den lokalen Polizeichef hatte er unter anderem beklagt, sie würden die "schöne Stadt" in einem "unvorteilhaften Licht" darstellen. Dafür gab es heftigen Widerspruch von mehreren Seiten, auch von Premierministerin Theresa May.

Dudley könnte sogar seinen Posten als Vorsitzender des Kommunalparlaments von Windsor und Maidenhead verlieren. Am 29. Januar soll in Windsor über seine Zukunft entschieden werden.

"Vor allem Touristen behandeln mich schlecht"

Einer der Menschen, die auf Windsors Straßen leben, ist der 29-jährige Maciek. Seit über vier Monaten ist er obdachlos. Am selben Tag, an dem er seinen Job als Kellner verlor, verlor er auch sein Zuhause, erzählt er. Über sein Leben auf der Straße sagt er der Deutschen Presse-Agentur: "Vor allem Touristen behandeln mich schlecht. Sie wollen nur die schönen Seiten der Stadt sehen."

Für Dudleys Forderung hat der 29-Jährige kein Verständnis. "Er behandelt uns wie Ratten", schimpft Maciek. "Er sollte uns lieber helfen und nicht versuchen, uns loszuwerden."

Ein Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Obdachlosen in Windsor zu helfen, ist Murphy James. Er ist der Leiter des Windsor Homeless Project, das Menschen ohne Zuhause unterstützt und Präventionsarbeit leistet. Zwischen 12 und 15 Menschen schlafen in Windsor auf der Straße, wie James berichtet. Dudleys Brief findet er "abscheulich und enttäuschend".

"Ich glaube, dass auch Prinz Harry und Prinz William entsetzt sind", sagt James der Deutschen Presse-Agentur. Beide Royals engagieren sich für Obdachlose und besuchten bereits als Kinder mit ihrer Mutter, Prinzessin Diana, Hilfsorganisationen. Auch nach Dianas Tod erhielten sie das Engagement aufrecht.

Prinzen setzten sich für Obdachlose ein

Prinz William ist seit 2005 Schirmherr der Organisation Centrepoint, die sich für junge Obdachlose einsetzt. Prinz Harry unterstützte ihn bereits bei diversen Projekten. Auch unabhängig davon setzte er sich in der Vergangenheit für Obdachlose ein: 2017 joggte er für "The Running Charity" mit obdachlosen Teenagern durch London.

In London, wo der Prinz und Meghan Markle Medienberichten zufolge nach ihrer Trauung leben werden, ist Obdachlosigkeit ein wachsendes Problem. Nach einem Bericht der Zeitung "The Guardian" gibt es hier die meisten Obdachlosen Großbritanniens. Einer von 59 Menschen in der britischen Hauptstadt hat demnach kein Zuhause. Statistiken der Hilfsorganisation Shelter zeigen: Es werden immer mehr.

Obdachlosigkeit als "nationale Krise"

Dieser Trend gilt aber nicht nur für London. Im Dezember sprach das Parlament mit Blick auf Obdachlosigkeit von einer "nationalen Krise".

Eine Krise, die sich schon vor Jahrzehnten anbahnte: Als Reaktion auf die wachsende Zahl an Obdachlosen in London wurde bereits 1991 die wöchentlich erscheinende Obdachlosen-Zeitung "The Big Issue" gegründet. Die Macher wollen den Menschen durch den Verkauf die Chance auf ein Einkommen geben und ihnen so zu einem festen Wohnsitz verhelfen.

In einer der jüngsten Ausgaben wendet sich der Chefredakteur der Obdachlosen-Zeitung, Paul McNamee, direkt an Prinz Harry und Markle. Mit Blick auf die Diskussion über Obdachlose in Windsor schreibt er: "Es gibt einen einfachen Weg, wie Harry und seine zukünftige Frau sich wirklich engagieren können. (.) Veröffentlicht eure Hochzeitsbilder in "The Big Issue". (.) Wie wäre es, Harry?"

Quelle: Dpa

Aufgerufen am 17.11.2018 um 12:06 auf https://www.sn.at/panorama/international/streit-um-die-obdachlosen-vor-der-prinzenhochzeit-23216926

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