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Tennis: "Ein Champion des Lebens": Martina Navratilova wird 60

Die Augen von Martina Navratilova werden immer noch feucht, wenn sie an den Spätsommer 1975 denkt. Sie solle ihrer Mutter nicht erzählen, dass sie in den USA bleiben und nicht mehr durch den Eisernen Vorhang in die damalige Tschechoslowakei zurückkehren wolle, riet ihr Vater der aufstrebenden Tennisspielerin aus dem Örtchen Revnice bei Prag.

Der Kalte Krieg und die Probleme in der Heimat nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1968 sind längst Vergangenheit. "Ich bin stolze Tschechin mit amerikanischem Pass", sagte Navratilova, die am Dienstag ihren 60. Geburtstag feierte.

167 Turniersiege im Einzel, 177 im Doppel, 59 Grand-Slam-Titel, den letzten einen Monat vor ihrem 50. Geburtstag. Dazu 332 Wochen als Nummer eins, 86:1-Siege im Jahr 1983, neunmal Wimbledonsiegerin - die Reihe der Erfolge ließe sich noch fortsetzen.

Dank ihrer einmaligen Karriere gehört Navratilova zu den Weltstars des Sports. Bekannt wurde sie aber auch durch ihr Engagement für gleichgeschlechtliche Paare, für Tier- und Umweltschutz. In sechs Jahrzehnten habe sie so viel erlebt und erlitten, inklusive einer Krebserkrankung, erzählte Navratilova in einer einstündigen BBC-Dokumentation diesen Sommer. Als ihre Flucht von Ost nach West zur Sprache kam, flossen Tränen.

Nach dem US-Open-Aus 1975 gegen Chris Evert, ihrer großen US-Rivalin, ging sie als Teenager in New York zu den amerikanischen Behörden. Nicht wissend, ob und wann sie ihre Familie jemals wiedersehen würde. Das freiere Leben in den USA faszinierte das Riesentalent. Dort bekannte sich Navratilova auch öffentlich zu ihrer Beziehung zu einer Frau. "Was ich nicht begriff, war, was mich das an Fan-Unterstützung kosten würde", gab sie zu.

Inzwischen ist Navratilova mit der ehemaligen Miss UdSSR, Julia Lemigowa, verheiratet. "Wer hätte gedacht, dass eine Tschechin und eine Russin so gut miteinander auskommen", witzelte Navratilova in dem BBC-Film.

Die Wimbledon-Organisatoren schafften es, dass 1979 ihre Mutter beim Finale dabei sein durfte. Sieben Jahre später - inzwischen als US-Staatsbürgerin - erlebte Navratilova im Fed Cup eine triumphale Rückkehr nach Prag, obwohl Medien und Politik schwiegen.

Evert war damals dabei und fasste die offizielle Missachtung im Rückblick so zusammen: "Sie war eine Nicht-Person." Die Fans feierten Navratilova dagegen als eine der ihren. Im Endspiel siegte das US-Team 3:0 - ausgerechnet gegen Gastgeber CSSR. Navratilova holte Punkte im Einzel sowie mit ihrer langjährigen Partnerin Pam Shriver im Doppel.

Viele ihrer 31 Doppel-Titel bei Grand Slams sammelte sie mit Shriver, beide blieben einmal 109 Matches in Serie ungeschlagen. Zu den 18 Einzel-Triumphen kamen noch zehn im Mixed. Damen-Tennis-Ikone Billie Jean King würdigte ihre Nachfolgerin als "die größte Spielerin im Einzel, Doppel und Mixed, die jemals gelebt hat". Das lag auch daran, dass Navratilova die Fitness im Damen-Tennis auf ein neues Niveau hob.

Talent, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen ließen "Nav" zur beherrschenden Spielerin ihrer Zeit werden. Der Wille, außerhalb der Plätze dem eigenen Weg zu folgen, machten sie auch ohne Matura zu einer bedeutenden Persönlichkeit. Ausgestattet mit einem trockenen Humor, stets für andere da.

"Sie äußert sich, auch wenn es gegen die öffentliche Meinung oder die Norm geht", sagte Evert, die eine gute Freundin wurde. "Sie ist eine große Kämpferin für homosexuelle Menschen, sie hat beim Kreuzzug für Menschenrechte geholfen", fügte ihr Kumpel Elton John hinzu. Mit dem Pop-Star und Sport-Fan hat Navratilova schon Spaß-Doppel gegen Steffi Graf und deren Ehemann Andre Agassi gespielt.

Ihrem einstigen Mixed-Partner Leander Paes stand sie zur Seite, als der Inder an einem Tumor erkrankt war. "Als ich im Krankenhaus war, kam abends um neun immer der Anruf von ihr", erzählte Paes der BBC. "Sie ist ein Champion des Lebens."

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 23.09.2018 um 08:11 auf https://www.sn.at/panorama/international/tennis-ein-champion-des-lebens-martina-navratilova-wird-60-963697

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