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Tschechischer "Dichterpräsident" Vaclav Havel wäre 80 geworden

Wäre der ehemalige Staatspräsident Vaclav Havel noch auf der Prager Burg, würden von dort andere Töne in Sachen der Flüchtlingskrise ertönen. Als Humanist und Menschenrechtler würde er höchstwahrscheinlich für die Aufnahme von Migranten plädieren, meinen Kommentatoren in Prag. Der Dichter und frühere Dissident, der sich nie ein Blatt vor den Mund nahm, wäre am 5. Oktober 80 Jahre alt geworden.

Tschechischer "Dichterpräsident" Vaclav Havel wäre 80 geworden SN/dpa
Vaclav Havel wäre 80 geworden.

Tschechien wird mit mehreren Veranstaltungen an seinen "Dichterpräsidenten" erinnern. Das Prager Rathaus beschloss, die kleine Fußgängerzone beim Nationaltheater zum "Vaclav Havel-Platz" zu machen. Die Tschechische Münzanstalt wird eine Serie von Medaillen zu Havels 80. Geburtstag editieren und das Gefängnis im westböhmischen Plzen, wo Havel einst als Dissident inhaftiert war, bekommt eine entsprechende Gedenktafel. Schließlich haben drei bekannte heimische renommierte Musiker zu Havels Geburtstag ein Lied mit dem Titel "Mili spoluobcane" ("Liebe Mitbürger") komponiert. Mit diesen Worten begann Havel oft seine Reden in der Öffentlichkeit.

Obwohl Havel auf der Prager Burg als tschechoslowakischer un später tschechischer Staatschef residierte, bleibt er vor allem als Symbolfigur der "Samtenen Revolution" vom Herbst 1989 in Erinnerung. Das von ihm ins Leben gerufene Bürgerforum (OF) stellte sich an die Spitze der Protestbewegung und schaffte friedlich im Verlauf einiger Wochen das totalitäre Regime ab. Havel selbst wurde am 29. Dezember 1989 - noch vom kommunistischen Parlament - zum Staatspräsidenten gewählt, obwohl er kurz zuvor wegen "staatsfeindlicher Hetze" wieder einige Monate hinter Gitter verbrachte hatte.

Gegen den Kommunismus hatte er sich aber schon viel früher eingesetzt. Nach der Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968 fiel der Schriftsteller und Dramatiker Havel in Ungnade. Publikations- und Aufführungsaktivitäten waren ihm verboten und er verdingte sich als Arbeiter. Im Jahr 1977 gründete er mit anderen Aktivisten die Menschenrechtsbewegung "Charta 77", was ihn erstmals ins Gefängnis brachte.

Auch in seiner Präsidenten-Ära zögerte Havel nicht, Dinge zu kritisieren, die nicht im Einklang mit seinem Denken und Prinzipien waren. Er tat dies auch um den Preis der Unpopularität. So entschuldigte er sich im Jahr 1990 für die Vertreibung der Sudetendeutschen ab 1945. Und es war auch sein Verdienst, als 1997 die tschechisch-deutsche Aussöhnungserklärung trotz innenpolitischen Widerstandes unterzeichnet wurde. Nicht geschont hat er auch den südböhmischen "Prestigebau" Temelin: Am Tag seiner Inbetriebnahme bezeichnete es Havel als seinen "größten Fehler", dass er das Atomkraftwerk nicht verhindert habe.

In seiner privaten sowie politischen Laufbahn musste Havel auch mehrere schwierige Momente und persönliche Niederlagen hinnehmen. Bei weitem handelte es sich nicht nur um Verfolgung und insgesamt fast fünf Jahre im kommunistischen Gefängnis. Es tat ihm sehr Leid, dass es ihm nicht gelungen war, 1992 den Zerfall der tschechoslowakischen Föderation zu verhindern. Wegen der Auflösung des Staates trat er sogar als Präsident zurück.

Im Jahr 1996 starb seine erste Ehefrau Olga, die für ihn "eine Lebensstütze in allem Guten und Schlechten" war. Und im selben Jahr musste sich der Kettenraucher Havel wegen eines bösartigen Tumors einer Lungenoperation unterziehen. Einer Serie weiterer Operationen folgte im Jahr 1998, nachdem er während eines Urlaubs mit seiner zweiten Ehefrau, der Schauspielerin Dagmar Veskrnova (Havlova), in Tirol einen Darmdurchbruch erlitten hatte.

Das Präsidentenamt verließ Havel 2003 nach zwei fünfjährigen Perioden als tschechisches Staatsoberhaupt. Ein untätiger Pensionist war er aber nicht. Er äußerte sich weiterhin - nicht selten kritisch - zu verschiedenen Ereignissen. Im Sinne seines vom November 1989 bekannten Slogans "Die Wahrheit und Liebe müssen die Lüge und den Hass besiegen". Außerdem konnte er ein neues Theaterstück - "Odchazeni" ("Abgang") - schreiben, dass er später als Regisseur verfilmte. Havel starb am 18. Dezember 2011 im Kreise seiner Familie in seinem Wochenendhaus im ostböhmischen Hradecek.

Quelle: APA

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