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Erster ÖBB-Nachtzug aus Wien in Brüssel eingetroffen

Der erste Nachtzug von Wien nach Brüssel fuhr am Montag unter großem Getöse in der EU-Hauptstadt ein. Den "Bundesbahnblues" haben diesmal die Deutschen.

So werden normalerweise Könige empfangen: Musikkapelle, roter Teppich, ein in die Hundertschaft gehendes Medienaufgebot, Regierungsvertreter. Ganz großer Bahnhof also für die Ankunft des ersten Nachtzugs aus Wien nach Brüssel seit 16 Jahren. Und dann fuhr der Nightjet auch noch überpünktlich in den Brüsseler Südbahnhof ein, nämlich zwei Minuten vor der fahrplanmäßigen Ankunft um 10.55. Kein Wunder, dass der ÖBB-Chef Andreas Matthä "sehr, sehr stolz" war.

An Bord waren 400 Passagiere, darunter elf österreichische EU-Abgeordnete, der Vertreter der EU-Kommission in Österreich und eben der ÖBB-Chef. "Es war sehr lustig, wie ein Klassenausflug", meinte ein gut gelaunter Othmar Karas (ÖVP), als er aus dem Zug stieg. "Sehr angenehm", pflichtete Monika Vana (Grüne) bei. Angelika Winzig, die aus Oberösterreich stammende ÖVP-Delegationsleiterin, will künftig auch ab und zu in Linz in den Nightjet zusteigen. Günther Sidl (SPÖ) aus dem Bezirk Melk, seit Juli EU-Abgeordneter, hat bisher alle Fahrten nach Brüssel per Bahn absolviert. "Ich hoffe, dass nun auch einige meiner Kollegen auf die Schiene umsteigen", sagte er.

Zwei Mal pro Woche verkehren ab nun die Nachtzüge zwischen Wien und Brüssel, Abfahrt in Wien Hauptbahnhof ist jeweils Sonntag und Mittwoch um 20.38 Uhr. Auch von Innsbruck (20.44 Uhr) kann man im Nightjet via München nach Brüssel reisen. In Nürnberg werden die Waggons mit dem aus Wien kommenden Zug gekoppelt, während die Passagiere schlafen.

In Zeiten des Klimawandels und zunehmender "Flugscham" kommt das ÖBB-Angebot gut an. Bis zum Sommer ist der Nightjet nach Brüssel bereits zu 50 Prozent ausgebucht. Zu haben sind die Kategorien Schlafwagen (Einzelabteil), Liegewagen (vier bis sechs Betten) oder normale Sitzplätze.

Ein paar Dinge trübten die Partylaune am Bahnsteig 6 ein wenig. Insgesamt gut, aber "ausbaufähig", so urteilte Martin Selmayr, der Vertreter der EU-Kommission in Wien via Twitter. Er bemängelte fehlendes WLAN an Bord. Dazu kommt die Fahrtzeit von mehr als 14 Stunden. "Normalerweise bin ich mit diesem Zug am Montag zu spät dran", sagte Lukas Mandl (ÖVP). Die anderen Abgeordneten pflichten bei: Die Ankunft erst gegen 11.oo Uhr sei für manche berufliche Termine zu spät.

ÖBB-Chef Matthä kennt die Schwachstelle. "Wir wünschen uns, dass wir eine Stunde früher ankommen." Die Verhandlungen mit der deutschen und der belgischen Bahn liefen bereits. "Der Engpass liegt rund um Köln", erklärte Matthä. Für den Fahrplanwechsel im Dezember sei aber bereits Besserung in Sicht.

Einen weiteren Wunsch deponierte Othmar Karas als Vizepräsident des EU-Parlaments beim ÖBB-Chef: "Ein Gesamtpaket aus Zugfahrt und Hotel für alle Jugendlichen", um der EU-Hauptstadt und dem EU-Parlament noch mehr Besucher zu bringen.

Der ÖBB-Nightjet hat in Deutschland eine politische Debatte um die Zukunftsstrategie der Deutschen Bahn angestoßen. Die hatte sich vor rund drei Jahren aus dem Nachtgeschäft verabschiedet und die Züge an die ÖBB abgegeben. Nun sind es nur die Österreicher, beim Nightjet in Kooperation mit der belgischen Bahn, die auf dem deutschen Schienennetz Schlaf- und Liegewagen rollen lassen. Der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagt mittlerweile, ein Wiedereinstieg der Deutschen Bahn ins Nachtgeschäft sei möglich.

Die ÖBB haben auf die Nische gesetzt und bereits ein kleines Plus erwirtschaftet. Ihre Nachtzüge fahren nach Hamburg, Berlin, Zürich, Rom und Venedig. Und jetzt eben auch nach Brüssel. Keine Rede mehr also vom "Bundesbahnblues", von dem Helmut Qualtinger einst sang. Als der Nightjet am Sonntagabend in Wien abfuhr, spielte die Band denn auch die Europahymne "Ode an die Freude".

Aufgerufen am 23.02.2020 um 04:29 auf https://www.sn.at/panorama/international/video-erster-oebb-nachtzug-aus-wien-in-bruessel-eingetroffen-82279636

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