Wie ein Drama zum Drama wird

Die Freude über die Rettung der thailändischen Kinder regt an zum Nachdenken über die Welt und deren Wahrnehmung.

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Standpunkt Andreas Koller

Es gibt wohl niemanden, den das Schicksal der tagelang in einer Höhle eingeschlossenen und nun unter Lebensgefahr für alle Beteiligten geretteten thailändischen Burschen unberührt gelassen hätte. Das Drama hatte alle Anzeichen eines - nun ja: eben eines Dramas. Mit Schicksalen und Spannung. Mit Opfern und Helden. Und dass es - trotz der Folgeschäden, die den Buben möglicherweise bleiben, und trotz des tödlichen Unfalls bei der Bergung - ein Happy End gab, ist nicht nur eine wunderbare Nachricht in dieser an wunderbaren Nachrichten so armen Welt: Es macht die Sache auch zu einem weltweiten medialen Großereignis, samt Liveschaltungen zu Reportern im thailändischen Dschungel. Auch die SN kamen selbstverständlich ihrer Berichtspflicht nach.

Gleichzeitig ertrinken im Mittelmeer unglückliche Migranten. Gleichzeitig starben bei einem Zugsunglück in der Türkei 24 Menschen. Gleichzeitig sind drei Kinder in einem französischen See ertrunken. Gleichzeitig werden in Nigeria, Syrien und an etlichen anderen Stellen der Welt Menschen kaltblütig ermordet. Und die Zahl der Todesopfer der Überschwemmungen in Japan steigt und steigt. All das findet wenig bis keinen medialen Niederschlag. Keine Liveschaltungen, keine Interviews, keine Bilder.

Man mag diese medialen Gesetzmäßigkeiten bedauern - sie sind wohl nicht völlig aus der Welt zu schaffen. Höhlendrama schlägt Routinetragödie. Man sollte die Gesetzmäßigkeiten nur von Zeit zu Zeit hinterfragen. Warum etwa löst ein Highschool-Massaker in den USA hierzulande öffentliche Debatten und breite mediale Berichterstattung aus, während der gleiche Vorgang hinten, weit, in Russland oder China jedermann unberührt lässt? Die Antwort ist erschreckend banal: Weil es im erstgenannten Fall eine freie Presse und Journalisten gibt, die sofort vom Ort des Geschehens berichten. Im anderen Fall gibt es keine freie Presse, sondern eine Nachrichtensperre. Hätten die thailändischen Behörden die Medien verbannt und den Informationsfluss unterbrochen - niemand wüsste über das Höhlendrama Bescheid, das Schicksal der Buben würde die Welt kaltlassen.

Gute Medien konterkarieren diese Gesetzmäßigkeiten. Sie sehen auch dorthin, wo Nachrichten unterschlagen werden. Sie rücken auch Schicksale in den Fokus, die nicht mit berührenden Bildern unterfüttert werden können. Sie widerstehen dem Hype der "sozialen" Medien.

Abgesehen davon macht es uneingeschränkte Freude, dass die thailändischen Kinder gerettet sind.

Aufgerufen am 12.12.2018 um 05:07 auf https://www.sn.at/panorama/international/wie-ein-drama-zum-drama-wird-31510252

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