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Wie gefährlich sind die Kreuzfahrtschiffe für Venedig?

Am Sonntag kam es in Venedig beinahe zu einer Kollision. Ein Kreuzfahrtschiff kam aufgrund eines Unwetters dem Ufer der Lagunenstadt gefährlich nahe. Der Vorfall löst - wieder einmal - eine Debatte aus. Sollten Kreuzer in Venedig verboten werden? Und wie kann die Stadt dem Massentourismus begegnen? Die Antworten zu den wichtigsten Fragen.

Der Massentourismus erdrückt die Lagunenstadt Venedig.  SN/AP
Der Massentourismus erdrückt die Lagunenstadt Venedig.

Auf der Rialto-Brücke flanieren, vor dem Markusdom in aller Ruhe einen Cappuccino trinken oder sich durch die engen Gässchen von Venedig treiben lassen. Eine schöne Vorstellung - die aber in der warmen Jahreszeit etwas anders aussieht. Statt sich treiben zu lassen, wird man eher durch die Stadt getrieben. Der Pulk an Touristen schiebt sich ab dem Markusplatz durch die engen Gassen der Lagunenstadt. Ein Großteil der Touristen kommen nur für einen Tag in das historische Stadtzentrums, viele davon strömen von den Kreuzfahrtschiffen. Warum Venedig mit dem Andrang der Schiffsriesen zu kämpfen hat.

Wodurch ist die Diskussion um Kreuzfahrtschiffe in Venedig wieder entbrannt?

Es waren nur noch wenige Meter zwischen dem Kreuzfahrschiff und der Anlegestelle Giardini: Am Sonntag kam das Schiff "Costa Deliziosa" aufgrund eines heftigen Unwetters dem Ufer gefährlich nahe. Das fast 300 Meter lange Schiff, das mehr als 2800 Gäste beherbergen kann, verfehlte nur knapp eine Yacht und andere Boote. So ist es auf einem Video zu sehen, das die Organisation "No Grandi Navi Venezia" online gestellt hat.

Welche weiteren Vorfälle mit Kreuzschiffen gab es in Venedig?

Es gab schon einige ähnliche Vorfälle. So ist erst Anfang Juni ein Kreuzfahrtschiff der MSC Cruises beim Anlegen in Venedig außer Kontrolle geraten und krachte in ein Touristenboot. Dabei wurden vier Menschen verletzt. Die Kreuzfahrtgesellschaft machte damals ein "technisches Problem" für den Vorfall verantwortlich.

Groß gegen Klein: Bei dem Unfall im Juni rammte ein Kreuzfahrtschiff eine Boot voller Reisegäste. SN/ANDREA PATTARO / AFP / picturedesk.com
Groß gegen Klein: Bei dem Unfall im Juni rammte ein Kreuzfahrtschiff eine Boot voller Reisegäste.

Welche Auswirkungen haben die Kreuzfahrtschiffe in Venedig?

Der Streit über die großen Kreuzer tobt seit Jahren. Durch Vorfälle wie vom Sonntag wächst die Wut vieler Italiener auf die Touristen. Einer der Hauptstreitpunkte ist, dass die Kreuzfahrtschiffe die Route durch die Lagune nehmen. Der Kanal von Giudecca nahe am historischen Zentrum rund um den Markusplatz ist zwar pittoresker, doch auch sehr eng und es kann zu Staus bei den Kreuzern kommen.

Zu Spitzenzeiten kommen täglich 130.000 Touristen in die Lagunenstadt. SN/APA (AFP)/MIGUEL MEDINA
Zu Spitzenzeiten kommen täglich 130.000 Touristen in die Lagunenstadt.

Schätzungsweise 20 bis 30 Millionen Touristen strömen jährlich in die Lagunenstadt. Rund 1,4 Millionen davon sind Kreuzfahrtschiffspassagiere. Die Zahl der Stadteinwohner hat sich dagegen gegenläufig entwickelt. Zählte Venedig 1945 noch 150.000 Einwohner, sind es heute lediglich 56.000. Für sie werden die Massen an Touristen zunehmend zum Problem. In einer im Juni veröffentlichten Studie stellte sich heraus, dass Venedig die schlechteste Luftqualität von allen italienischen Hafenstädten hat. In ganz Europa liegt die Lagunenstadt damit auf dem dritten Platz. Das ist umso erstaunlicher, da in Venedig keine Autos fahren. Dennoch bekommen die Einwohner so viel Luftverschmutzung ab. Denn wenn ein mittelgroßer Kreuzer einen Tag im Hafen der Inselstadt liegt, wird so viel fossiler Brennstoff verbrannt, wie bei eine Million Diesel-Pkw, wie eine Untersuchung des deutschen Naturschutzbundes ergab.

Immer wieder betonen Umweltverbände, dass die Riesenschiffe das ökologische Gleichgewicht in der Lagune gefährden. Zudem könnten die historischen Gebäude, von denen die Lagune gesäumt ist, beschädigt werden.

Ein riesiges Kreuzfahrtschiff schlängel sich durch die Lagune. SN/www.picturedesk.com
Ein riesiges Kreuzfahrtschiff schlängel sich durch die Lagune.

Was könnte dagegen getan werden?

Nach so gut wie jedem Vorfall mit Kreuzfahrtschiffen in der Lagunenstadt verspricht das italienische Verkehrsministerium eine Untersuchung. Doch seit Jahren scheint sich wenig an der Situation zu ändern. Einer der Vorschläge aus dem Ministerium ist es, Anlegestellen außerhalb der Lagune auszubauen. Dann würden die Kreuzfahrttouristen nicht mehr am berühmten Markusplatz aussteigen, sondern abseits des historischen Zentrums. Die von der Stadt Venedig bevorzugte Anlegestelle im Industriehafen von Marghera müsste aber erst noch ausgebaut werden. Es wären aber laut des italienischen Verkehrsministers auch alternative Anlegestellen in Chioggia oder Lido denkbar.

Einen Eintritt für die Lagunenstadt wird wohl nun ab Ende September kommen. Ursprünglich sollte ab Mai das Eintrittgeld für Tagestouristen eingeführt werden. Bis 31. Dezember soll die Touri-Pauschale drei Euro pro Person betragen, ab 2020 plante Venedig einen Beitrag von sechs, acht oder zehn Euro.

Mit dem Geld will Venedig einen Ausgleich für die hohen Reinigungskosten der Lagunenstadt schaffen. Denn die Kosten in der historischen Altstadt seien um 30 Millionen Euro teurer als in anderen Städten mit einer ähnlichen Größe.

Immer wieder kommt es zu Protesten in Venedig. Die Einwohner wollen, dass der Tourismus begrenzt wird.  SN/APA/AFP/MIGUEL MEDINA
Immer wieder kommt es zu Protesten in Venedig. Die Einwohner wollen, dass der Tourismus begrenzt wird.

Ist ein Verbot von Kreuzfahrtschiffen denkbar?

Umwelt- und Kulturschützer wollen die Kreuzer komplett aus der Lagunenstadt verbannen. Der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, forderte von der Unesco, Venedig auf die Liste der gefährdeten Kulturgüter aufzunehmen. Doch vergangenen Donnerstag lehnte die Unseco-Versammlung den Vorschlag ab. Bislang scheinen sich keine der Maßnahmen wirklich durchzusetzen. Trotz vieler Proteste der Stadtbewohner und einiger Organisationen wie der Verband "Italia Nostra", die sich unter anderem dafür einsetzen eine Höchstzahl an Touristen einzuführen, scheint die Gemeinde in Venedig auf einen "aggressiven Tourismus" nicht verzichten zu wollen. Da auch der Trend zu Reisen mit dem Kreuzfahrtschiff nicht abreißt, ist momentan eine Abnahme des Massentourismus in Venedig nicht in Sicht.

Manche Kreuzfahrtschiffe sind größer als die historischen venezianischen Gebäude.  SN/APA/EPA/ANDREA MEROLA
Manche Kreuzfahrtschiffe sind größer als die historischen venezianischen Gebäude.
Quelle: SN, Dpa-Dop

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Aufgerufen am 20.10.2019 um 06:55 auf https://www.sn.at/panorama/international/wie-gefaehrlich-sind-die-kreuzfahrtschiffe-fuer-venedig-73158133

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