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Zugunglück in Bayern: Zehn Tote und rund 80 Verletzte

Bei einem Zugunglück in Bayern sind Dienstag früh zehn Menschen ums Leben gekommen. Viele Opfer waren stundenlang in den Wracks gefangen.

Bei dem schwersten Zugunglück in Bayern seit gut 40 Jahren sind am Dienstag in Bad Aibling nahe Rosenheim zehn Menschen ums Leben gekommen. Zwei Nahverkehrszüge des Zugunternehmens Meridian waren im morgendlichen Berufsverkehr auf der eingleisigen Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim frontal ineinander gekracht. Dabei wurden 18 Menschen schwer und 63 Reisende leicht verletzt. Mindestens ein Opfer wird noch vermisst und in den Trümmern vermutet. Bei zwei der geborgenen Toten soll es sich um die Lokführer handeln. Erst am Mittwoch soll damit begonnen werden, die Zugwracks mit schwerem Gerät zu entfernen. Auch die Suche nach einer an der Unfallstelle noch immer vermissten Person solle dann fortgesetzt werden, teilte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd mit.

Menschliches Versagen?

Laut einem Zeitungsbericht ist das Unglück möglicherweise auf menschliches Versagen zurückzuführen. Der Grund für das Unglück sei offenbar eine "verhängnisvolle Fehlentscheidung" eines Bahnmitarbeiters, berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland, dem mehr als 30 Tageszeitungen angehören, am Dienstagabend unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Dobrindt: "Hohe Geschwindigkeit"

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte nach einem Lokalaugenschein an der Unglücksstelle bei einer Pressekonferenz in Bad Aibling: "Es war ein erschreckendes Bild. Es ist schockierend, wie sich die beiden Züge ineinander verkeilt haben. Der eine Zug muss sich in der anderen förmlich hineingebohrt haben. Die Züge müssen mit sehr hoher Geschwindigkeit nahezu ungebremst aufeinandergeprallt sein."

Die Strecke sei mit einem automatischen Sicherungssystem ausgestattet gewesen. Warum es dennoch zu der Katastrophe kam, ist noch unklar. In den Unfallgarnituren haben sich laut Dobrindt insgesamt drei "black boxes" befunden, zwei dieser Datenspeicher seien bereits gesichert worden, eine dritte befinde sich noch in einem der zertrümmerten Waggons. Laut Dobrindt müssen die Aufzeichnungen dieser "black boxes" erst ausgewertet werden.

Stundenlang in Wracks gefangen

Am schwierigsten gestaltete sich die Bergung der Schwerverletzten aus den vorderen Zugteilen. Teilweise musste schweres Gerät eingesetzt werden. Der Leitende Notarzt Michael Riffelmacher schilderte, dass der Zusammenstoß der beiden Züge enorme Kräfte freigesetzt habe. Dadurch sei es zu extremen Verformungen in den Waggons gekommen.

"Ich will Ihnen Einzelheiten ersparen", sagte Riffelmacher später, doch von einem Schwerverletzten seien für die Retter zunächst lediglich Gesicht und eine Hand zugänglich gewesen. Feuerwehrmänner befreiten die teils eingeklemmten Opfer in einem mehrstündigen dramatischen Rettungseinsatz.

Sicherungssystem war überprüft

Das den Bahnverkehr in Deutschland sichernde System "Punktförmige Zugbeeinflussung" (PZB) war im Fall des Zugunglücks von Bad Aibling erst vor rund einer Woche technisch überprüft worden. Dabei habe es keine Probleme gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn für Bayern, Klaus-Dieter Josel, in Bad Aibling.

Bei dem System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett. Die Magneten sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst.

Der "schwärzeste Faschingsdienstag"

Das ohnehin schon fürchterliche Zugunglück von Bad Aibling hätte noch katastrophaler verlaufen können. Glücklicherweise seien derzeit in Bayern Ferien, so dass die Züge nicht voll besetzt waren wie an normalen Tagen, sagte der Polizeipräsident von Oberbayern Süd, Robert Kopp. Zur Zeit des Unglücks hätten sich etwa 150 Personen in den beiden Nahverkehrszügen befunden. Kopp sprach von Bayerns "schwärzesten Faschingsdienstag"

Fast 600 Helfer im Einsatz

Ein Großaufgebot an Rettungskräften mit zahlreichen Hubschraubern und Krankenwagen kümmerte sich um sie. Nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann befanden sich 265 Polizisten (Landes- und Bundespolizei), 180 Feuerwehrleute sowie mehr als 200 Angehörige verschiedener Rettungsdienste im Einsatz.

Hubschrauber aus Salzburg und Tirol

Die bayerischen Rettungskräfte wurden auch vom Salzburger Roten Kreuz unterstützt. Die Landesleitstelle schickte den ÖAMTC-Notarzthubschrauber "Christophorus 6" nach Bad Abling. Mit dem C6 seien mehrere Verletzte in das Krankenhaus nach Rosenheim geflogen worden. Die Spitäler im Großraum Salzburg seien informiert worden und hielten sich für die eventuelle Aufnahme von Unfallopfern in Bereitschaft, hieß es beim Roten Kreuz in Salzburg.

Auch aus Tirol kam Hilfe: Das Rote Kreuz war mit Einsatzkräften aus den Bezirken Kufstein, Kitzbühel und Schwaz an der Unfallstelle. Der in St. Johann/Tirol stationierte Hubschrauber "Martin 7" des Salzburger Helikopter-Unternehmers Roy Knaus kam ebenfalls zum Einsatz. Auch das Krankenhaus Kufstein steht für die Übernahme und Versorgung von Verletzten bereit.

Bei dem frontalen Zusammenstoß zweier mit zirka 150 Menschen besetzten Nahverkehrszüge des privaten "Meridian", der von der Bayerischen Oberlandbahn betrieben wird, in der Nähe von Bad Aibling im Landkreis Rosenheim verkeilten sich die Triebwagen. Ein Zug entgleiste, mehrere Waggons stürzten um.

Verletztentransport auch mit Booten

Das Unglück ereignete sich gegen 6.50 Uhr auf der eingleisigen Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim. Hubschrauber brachten die Schwerverletzten in Krankenhäuser, während die zahlreichen Leichtverletzten in einer Sammelstelle versorgt wurden. Dabei half auch die Wasserwacht, die die Verletzten von der direkt an dem Flüsschen Mangfall gelegenen Unfallstelle an das gegenüberliegende Ufer brachte. Die Ursache für das Unglück in der Nähe des Klärwerks von Bad Aibling war zunächst unklar.

"Ein Riesenschock für uns"

Nach dem schweren Zugunglück hat sich der Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) geäußert. "Der Unfall ist ein Riesenschock für uns. Wir tun alles, um den Reisenden, Angehörigen und Mitarbeitern zu helfen", sagte Bernd Rosenbusch laut Mitteilung. Die BOB betreibt die Züge auf der Unfallstrecke.

"Wir sind tief bestürzt "

Rüdiger Grube, Vorstandschef der Deutschen Bahn, sprach den Verletzten und Angehörigen des schweren Zugunglücks sein tiefes Mitgefühl aus. "Wir sind tief bestürzt über den Unfall", sagte Grube. "Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Toten und bei den Verletzten." Grube dankte den Rettungskräften und Helfern am Ort des Geschehens.

Die Züge waren in einer Kurve zwischen den Bahnhöfen Kolbermoor und Bad Aibling-Kurpark in der Nähe des Klärwerks von Bad Aibling zusammengestoßen. Der Bahnbetreiber richtete mindestens für den kompletten Dienstag einen Ersatzverkehr mit Bussen ein. Prinzipiell dürften die Züge an der Stelle bis 120 Stundenkilometer fahren, wie die Deutsche Bahn erläuterte.

Kein Polit-Aschermittwoch

Wegen des Zugunglücks von Bad Aibling hat die CSU ihren traditionellen Politischen Aschermittwoch abgesagt. Dies meldet das Parteiorgan "Bayernkurier" und zitiert CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer mit den Worten: "Aus Respekt vor den Opfern des tragischen Zugunglücks findet der morgige Politische Aschermittwoch der CSU nicht statt." Auch andere Parteien in Bayern (SPD, Grüne, Linke) folgten diesem Beispiel. Der SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold sagte am Dienstag: "Der Politische Aschermittwoch lebt von der Auseinandersetzung und dem Schlagabtausch der Parteien. Dafür ist heute und morgen kein Raum."

Angesichts des Zugunglücks sagt auch die CDU eine Veranstaltung zum Politischen Aschermittwoch mit Kanzlerin Angela Merkel in Demmin in Mecklenburg-Vorpommern ab. Das teilte die CDU-Zentrale am Dienstagabend in Berlin mit.

(Dpa, Spre, Ham)

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