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Karriere vor Baby: Eizellen auf Firmenkosten einfrieren

Facebook und Apple haben mit ihrem Vorstoß, Frauen das Einfrieren von Eizellen zu bezahlen, eine höchst kontroversielle Debatte ausgelöst.

Karriere vor Baby: Eizellen auf Firmenkosten einfrieren SN/www.BilderBox.com


Da haben sich die IT-Konzerne Facebook und Apple etwas ganz Besonderes für Mitarbeiterinnen ausgedacht: Damit junge Frauen zuerst Karriere machen und danach schwanger werden können, bezahlen sie ihnen auf Wunsch das Einfrieren ihrer Eizellen. Das berichtet der US-Sender NBC.

Facebook bietet die Kostenübernahme bereits seit Jänner dieses Jahres an. Apple will im kommenden Jänner folgen. Es geht um bis zu 16.000 Euro Unterstützung pro Mitarbeiterin. Hintergrund ist der geringe Frauenanteil in vielen IT-Unternehmen. Bei Google sind es 30 Prozent, bei Facebook 31 Prozent.

In den USA ist das Einfrieren von Eizellen unter karrierebewussten Akademikerinnen nichts Ungewöhnliches. Pro Prozedur (siehe Artikel unten) kostet das rund 10.000 Dollar (7800 Euro), der Eingriff wird aber oft zwei Mal gemacht, um die Chancen zu erhöhen, später schwanger zu werden. Die jährliche Eisschrankgebühr schlägt mit rund 500 Dollar zu Buche.

Diese spezielle Frauenförderung von Apple und Facebook hat in den USA eine Diskussion in den sozialen Medien entfacht, ob Frauen durch die finanzielle Unterstützung unter Druck gesetzt werden, ihre Karrieren voranzutreiben und dafür ihren Kinderwunsch zurückzustellen. Die Bezahlung für das Einfrieren der Eizellen könnte demnach so gedeutet werden, dass Kinder und Karriere nicht vereinbar seien. Der Blog "Gawker" titelte, Apple und Facebook zahlten die Behandlung, "damit Frauen nie aufhören, zu arbeiten".

Andererseits wurden Meinungen geäußert, denen zufolge die finanzielle Unterstützung für das Einfrieren von Eizellen dazu führen könnte, dass sich mehr Frauen bei Facebook und Apple bewerben.

Die Frauenärztin und Obfrau des Salzburger Frauen-Gesundheitszentrums ISIS, Gerlinde Akmanlar-Hirscher, sagt, sie verstehe die jungen Frauen, die eine gute Ausbildung haben und um die 30 sind, sehr gut, wenn diese ihren Kinderwunsch zugunsten der Karriere vertagen wollten. Aber als Frauenärztin und aus feministischer Sicht, sehe sie dieses Aufschieben mithilfe des Einfrierens der Eizellen sehr kritisch. "Denn anstatt die Arbeitswelt familienfreundlicher zu machen, drängt man die Frauen in eine Künstlichkeit." Eigentlich hätte die Gesellschaft aber die Verpflichtung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten, stattdessen schiebe man das Thema wieder allein den Frauen zu, und zementiere damit die Rollenverteilung. Es sei zudem eine verkürzte Sicht, nur auf die Mütter zu schauen, schließlich würden aus Paaren Eltern.

Die Frauenärztin weist auch darauf hin, dass das Einfrieren von Eizellen noch längst keine Garantie für eine Schwangerschaft sei, aber das werde fälschlicherweise durch solche Aktionen von Unternehmen suggeriert. "Ich wünsche mir viel mehr, dass die tatsächliche Lebenssituation von Frauen beachtet wird", sagt Akmanlar-Hirscher.

Eva Spießberger vom Frauenbüro der Stadt Salzburg ist bei diesem Thema gespalten. Um den niedrigen Anteil von Frauen in der Technologie zu erhöhen, gibt es ihrer Meinung nach aber andere Schrauben, an denen gedreht werden müsste. Dazu gehöre, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert und mehr Anstrengungen unternommen werden müssten, Frauen für technische Berufe zu interessieren. "Es müsste sich die Lebens- und Arbeitswelt ändern und nicht Biologie", sagt Spießberger. Andererseits entspreche es der Selbstbestimmung der Frau, jene Möglichkeiten zu nutzen, die es gebe. "Wenn dies ohne Druck geschieht, kann das Einfrieren von Eizellen eine von vielen Maßnahmen sein, die Frauen in der Berufswelt nutzen können."

Facebook und Apple bieten ihre Unterstützung zum Einfrieren der Eizellen ausschließlich in den USA an, Facebook in Form einer Versicherungsleistung. Der iPhone-Konzern und das weltgrößte Onlinenetzwerk betonen beide, die Maßnahme sei lediglich ein Teil ihrer Sozialleistungen für Frauen und Familien. Beide Unternehmen gelten allgemein als frauen- und familienfreundlich. Die IT-Konzerne aus dem Silicon Valley unterstützen beispielsweise Fruchtbarkeitsbehandlungen bei Frauen, die schwanger werden wollen, und helfen auch bei legalen Adoptionen. Bei Facebook bekommen Mitarbeiter nach der Geburt eines Kindes vier Monate bezahlten Urlaub und eine zusätzliche Zahlung von 4000 Dollar. Außerdem gibt es eine subventionierte Kinderbetreuung.

In den Vereinigten Staaten gibt es anders als in vielen Ländern Europas keinen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Mutterschutz oder Elternzeit.

Die Fruchtbarkeit wird vorübergehend auf Eis gelegtImmer häufiger lassen junge Frauen ihre Eizellen einfrieren. Hauptgrund: Ihnen fehlt der passende Partner.

In einer Umfrage in Deutschland unter 21 Jahre alten, gesunden Frauen in Ausbildung meinten fast 90 Prozent, sie könnten sich vorstellen, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, um zu einem späteren, gewünschten Zeitpunkt ein Baby zu bekommen. Hauptgrund: Es fehle ihnen an einem geeigneten Partner. Zweitens: Sie wollten erst einmal Karriere machen. Diese Vorgangsweise nennt man in Fachkreisen "Fertilitätsreserve". Gemeint ist damit das Einfrieren von Sperma oder auch von Eizellen für später. Es ist auch vom sogenannten Social Freezing die Rede.

"Das Einfrieren hat ja vor allem soziale Gründe", erklärt der Fertilitätsmediziner Wilfried Feichtinger, der seit Jahrzehnten eine Kinderwunschklinik in Wien führt. Social Freezing sei vor allem in den USA eine Lifestyle-Maßnahme. In Amerika, Japan und Großbritannien praktizieren Kliniken die Eizellenvorsorge schon seit ein paar Jahren.

Die biologische Uhr der Frau tickt ununterbrochen: Ein weibliches Baby hat noch rund zwei Millionen Eizellen in den Eierstöcken. Diese Zahl nimmt bis zur Pubertät drastisch auf etwa 400.000 ab und in den fruchtbaren Jahren verliert die Frau monatlich weitere 1000 Eizellen.

"In Österreich ist die Eizellenentnahme nur bei medizinischer Indikation erlaubt. Wenn die Gefahr besteht, dass wegen einer Krankheit oder deren Behandlung die Fortpflanzungsfähigkeit verloren geht. Etwa vor einer Chemotherapie", sagt der Gynäkologe. In Deutschland ist die Entnahme auch ohne medizinischen Grund erlaubt.

Im Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden. Gleichzeitig steigt die Gefahr genetischer Defekte. "Während bei einer 30-Jährigen jede zweite Eizelle chromosomal in Ordnung ist, reduziert sich das bei einer 40-jährigen Frau bereits auf jede sechste Eizelle", sagt Feichtinger. Doch heute ist im Bereich der Reproduktionsmedizin schon fast alles möglich. Von der Insemination über In-vitro-Fertilisation bis hin zur Samenspende gibt es in Österreich ein breit gefächertes Angebot. Im Ausland sind auch Eispende und Leihmutterschaft möglich. Spermien zum Beispiel werden schon seit mehr als 50 Jahren erfolgreich kryokonserviert.

Das war für die Eizellen lang nicht möglich. Denn sie sind sehr empfindlich gegenüber Eiskristallbildung. Will die Frau Eizellen entnehmen lassen, muss sie sich einer Hormonkur unterziehen. Diese hat mitunter heftige Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bauchkrämpfe oder Schwindelgefühl. Dennoch wird sie im Ausland zunehmend in Anspruch genommen. Ein heimischer Reproduktionsmediziner sagt dazu: "Viele Frauen haben einfach nicht den richtigen Partner fürs Kinderkriegen gefunden und werden immer älter. Um nicht alle Chancen auf ein Kind zu vergeben, lassen sie dann ihre noch jungen Eizellen einfrieren." Viele Frauen in Führungspositionen täten sich schwer, einen Mann zu finden, dessen Ego es aushalte, mit ihnen zusammenzuleben und vielleicht später auch auf die Kinder aufzupassen, sagt der Arzt. Die Eizellenernte sollte beim Social Freezing so früh wie möglich stattfinden. "Je jünger die Eizelle, desto besser", sagt Feichtinger. Für eine Eizellenentnahme sollte die Patientin jünger als 30 Jahre sein.

Beim sogenannten Vitrifikationsverfahren werden zehn bis zwölf Eizellen entnommen, die im Anschluss mit einer speziellen Abkühltechnik schockgefrostet werden. Dabei erstarren die Zellen binnen einem Bruchteil von Sekunden bei minus 197 Grad glasartig. Inzwischen ist wissenschaftlich weitgehend abgesichert, dass das Einfrieren die Qualität der Zellen nicht mindert. "Die gefrorene und aufgetaute Zelle einer 25-Jährigen ist auch nach 25 Jahren so gut wie eine frische", sagt der Arzt.

Auch bei Sterignost in Klagenfurt ist man Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen, behilflich. Ab 40 werde es normalerweise für Frauen schwer, auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Gleichzeitig steige das Risiko, das Baby während der Schwangerschaft zu verlieren, sagt man dort. "Die Frau selbst aber kann bei der heutigen Lebenserwartung davon ausgehen, weitere 30 bis 40 Jahre in guter Gesundheit zu leben", sagt Alexander Stadler von Sterignost. Frauen, die auf der Suche nach einem geeigneten Partner sind, könnten jetzt auf die Hilfe der Fertilitätsmediziner setzen.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 09:21 auf https://www.sn.at/panorama/karriere-vor-baby-eizellen-auf-firmenkosten-einfrieren-3094324

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