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Wir sind alle selbstverliebt

Generation Selfie. Läuft das Leben an uns vorbei, während wir dabei sind, Fotos von uns zu machen?

Spontane Schnappschüsse? Im Selfie-Zeitalter zählt die richtige Inszenierung. SN/fotolia/godfer
Spontane Schnappschüsse? Im Selfie-Zeitalter zählt die richtige Inszenierung.

Du kennst das sicher: Eben hast du dir ein neues T-Shirt gekauft und jetzt stehst du in deinem Zimmer und machst mit dem Handy Fotos von dir im neuen Outfit. Der richtige Blick gehört dazu, die Haare müssen sitzen und der Hintergrund soll auch perfekt passen. Der kleine Bruder ist ins Bild gelaufen? "Hau ab!" Immer wieder drückst du auf den Auslöser, bis das Selfie tipptopp ist. Sofort wird es mit Filter bearbeitet und auf Instagram gepostet. Und dann beginnt das große Warten auf Likes und Kommentare. Nonstop Fotos von sich selbst zu machen ist im Smartphone-Zeitalter ganz normal geworden. Wir inszenieren uns ständig via Selfie, lassen unsere Facebook-, Whatsapp- oder Snapchat-Freunde daran teilhaben und nehmen auch am scheinbar perfekten Leben der anderen teil. Aber spontane Schnappschüsse? Bloß nicht! Man könnte ja unvorteilhaft aussehen. Sich im Jugendalter selbst zu inszenieren sei kein neues Phänomen, sagt Jugendkultur-Forscherin Beate Großegger. Durch die Möglichkeiten des Internets gewinne das Spiel mit der Selbstinszenierung heute aber völlig neue Qualitäten. Und mit Plattformen wie Instagram wird plötzlich eine Riesen-Öffentlichkeit erreicht. Die Generation Selfie ist die erste, die ein Leben ohne Internet nicht kennt.

Doch während sich frühere Generationen als Jugendliche noch unangepasst zeigen wollten und zum Geschmack der Mehrheit auf Distanz gingen, wollen heute alle dazugehören und angesagt sein. "Gerne etwas toller, als man ist, denn nur so lässt sich punkten", sagt Großegger. Für Fragen wie "Wer bin ich eigentlich wirklich?" oder "Wo will ich in meinem Leben hin?" bleibt bei der ganzen Selbstinszenierung nicht mehr wirklich Zeit. "Das ist etwas, was mich nachdenklich stimmt", sagt die Jugendforscherin. "Likes" zu sammeln ist die neue Form, Anerkennung zu bekommen. Und Anerkennung tut uns allen gut. "800 Facebook-Freunde zu haben und unzählige Likes zu bekommen ist gerade für Jugendliche aus benachteiligten Milieus oft ungemein wichtig", sagt Großegger. "Diese Jugendlichen gleichen damit zumindest kurzfristig das Gefühl aus, in unserer Gesellschaft nicht allzu viel wert zu sein." Und so fotografieren wir uns weiterhin überall: im Urlaub, im Konzert, beim Shopping oder Eisessen. Wichtig ist nicht, dass auf der Bühne gerade die Lieblingsband das Lieblingslied spielt, sondern dass ich mich fotografiere, während die Lieblingsband das Lieblingslied spielt. Manchmal läuft das Leben an uns vorbei, während wir gerade dabei sind, Selfies zu machen.

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