Klimawandel

Dicker weißer Mann im Eis

Was ein altes Schiffswrack und der Klimawandel miteinander zu tun haben. Um die mittlerweile eisfreie Nordwestpassage durch die Arktis herrscht ein Handelskrieg.

Erebus“ und „Terror“ waren die beiden Segelschiffe, mit denen Franklin den Weg durch das arktische Packeis suchte, wobei er umkam.   SN/
Erebus“ und „Terror“ waren die beiden Segelschiffe, mit denen Franklin den Weg durch das arktische Packeis suchte, wobei er umkam.  

. Die O'Reilly-Insel in der kanadischen Arktis ist im Sommer nicht viel mehr als ein riesiger, karger Felsbrocken im Eismeer. In der Nähe dieser Einöde haben Archäologen aus Kanada jetzt das Wrack eines mehr als 160 Jahre lang verschollenen Expeditionsschiffs des britischen Entdeckers Sir John Franklin gefunden. Die Forscher lieferten damit ihrer Regierung wichtige Indizien. Über die Echtheit des Schiffs gibt es keinen Zweifel. Das Forscherteam präsentierte eine Sonaraufnahme des erstaunlich gut erhaltenen Franklin-Wracks.

Der britische Polarforscher Franklin brach 1845 mit seinen Expeditionsschiffen "Erebus" (benannt nach dem röm. Gott der Finsternis) und "Terror" (lat. Schrecken) und 129 Mann Besatzung auf, um im Auftrag der britischen Königin die Nordwestpassage zu finden.

Das ist ein Seeweg von Europa nach Asien, der auf 6000 Kilometern durch die polare Inselwelt des heutigen Kanada führt. Seit Magellan 1520 einen Seeweg entdeckte, der um Südamerika herum nach Asien führte, spekulierten Geografen, Seefahrer und Forscher über eine mögliche Route im Norden Amerikas. Eine solche Nordwestpassage würde Schiffsreisen zwischen Europa und Ostasien entscheidend verkürzen, was einen enormen wirtschaftlichen und militärisch-strategischen Vorteil bedeutet hätte. Mehr als 400 Jahre lang suchten etliche Nationen nach einer solchen Passage im Nordpolarmeer. Doch die Franklin-Expedition scheiterte. Nach einem Winter waren die beiden Schiffe hoffnungslos im Packeis stecken geblieben und gesunken. Der Kapitän und seine Besatzung kamen um.

Mehr als eineinhalb Jahrhunderte lang hatten Dutzende Expeditionen erfolglos nach dem Kapitän und seinen Schiffen gesucht, zunächst unter britischer und amerikanischer Regie, seit 2008 unter Federführung Kanadas.

Diesen Sommer hatte die Regierung in Ottawa sogar vier Suchschiffe losgeschickt. Kanadas Premierminister Stephen Harper war Ende August persönlich in die Arktis gereist, um die Forscher bei der Arbeit zu beobachten. Noch ist nicht klar, welches der beiden Franklin-Schiffe jetzt gefunden wurde. Die Identifizierung soll in den nächsten Tagen anhand alter Baupläne erfolgen. Aber egal, welches Schiff es ist, für Kanada ist der Fund von großer Bedeutung. Er untermauert die Ansprüche Kanadas in der Polarregion als Rechtsnachfolger des britischen Empires. In einem Vertrag haben beide Länder bereits vereinbart, dass das Wrack in den Besitz Kanadas übergehen soll.

Seit der Klimawandel das arktische Eis immer schneller schmelzen lässt, rivalisieren mehrere Nationen um das Polargebiet, in dem reiche Rohstoffvorräte vermutet werden. Aber nicht nur das. Der Seeweg zwischen Europa und Asien über die Nordwestpassage (Rotterdam-Tokio) konnte bisher durch das gefährliche Packeis wirtschaftlich kaum genutzt werden. Jetzt aber schmolz dort Packeis weitgehend weg und der Seeweg ist seit einigen Jahren befahrbar.

Das bedeutet für die Handelsmächte: Man spart sich die bisherige, viel längere Route durch den Sueskanal. Obendrein vermeidet man die von Piraterie betroffenen Gewässer rund um Indonesien oder am Horn von Afrika. Doch der völkerrechtliche Status der Nordwestpassage ist umstritten. Kanada betrachtet die Passage als nationales Gewässer, andere Nationen wollen die Passage als eine internationale Schifffahrtsroute sehen.

Das Franklin-Wrack gilt unter Experten als wichtigster Fund seit der "Titanic" im Jahre 1985. Sogar Königin Elizabeth II. gratulierte. Die Kanadier halten die exakte Fundstelle aber geheim. Man will damit Trophäenjäger fernhalten. Vorsorglich wurde das Wrack schon jetzt unter Denkmalschutz gestellt. Bekannt ist nur, dass das Schiff in etwa elf Metern Meerestiefe nahe der O'Reilly-Insel geortet wurde, etwa 2000 Kilometer vom Nordpol entfernt. Zunächst hatten die Experten ein Eisenteil von einem Bootskran gefunden. Dieses wurde als Teil eines Wracks identifiziert. Die Entdeckung bestätigt Überlieferungen der Inuit, der Ureinwohner in der Arktis. Es wird berichtet, dass eines der - von der Crew verlassenen - Schiffe vom Packeis weit abgetrieben wurde, bis zu der Stelle, wo man nun das Wrack ortete. Aus einer erhaltenen Notiz der Mannschaft geht hervor, dass der Kapitän zwei verzweifelte Winter an Bord der "Erebus" ausgeharrt haben muss, ehe er starb. Der Rest der Besatzung kam beim Versuch um, sich zu Fuß über das Eis zu retten.

Falls es sich bei dem nun gefundenen Wrack tatsächlich um die "Erebus" handelt, dürften sich darin auch persönliche Gegenstände Franklins, seine Logbücher, womöglich sogar seine sterblichen Überreste befinden. Quellen der Inuit hatten stets von einem "dicken weißen Toten" an Bord des sinkenden Schiffs berichtet.

Aufgerufen am 07.12.2021 um 11:36 auf https://www.sn.at/panorama/klimawandel/dicker-weisser-mann-im-eis-33204487

Kommentare

Schlagzeilen