Klimawandel

Pipeline zum Pazifik vorerst gestoppt

Massive Widerstände in British Columbia haben den texanischen Investor vorerst zum Rückzug veranlasst. Premierminister Justin Trudeau will das Riesenprojekt aber durchziehen.

So sieht der Abbau von Ölsand in der kanadischen Provinz Alberta aus. Ein Bagger verlädt das ölhaltige Erdreich auf Lkw.  SN/MARK RALSTON / AFP / picturedesk.com
So sieht der Abbau von Ölsand in der kanadischen Provinz Alberta aus. Ein Bagger verlädt das ölhaltige Erdreich auf Lkw.

Es ist eines der ehrgeizigsten Energieprojekte in Kanada: Geht es nach der Regierung von Premierminister Justin Trudeau, soll zukünftig eine neue Pipeline zähes Schweröl von den Ölsandfeldern im Norden Kanadas über 1000 Kilometer hinweg an die Pazifikküste führen. "Trans Mountain" heißt die Röhre, die parallel zu einer bestehenden Pipeline über die Rocky Mountains bis nach Vancouver verlaufen soll.

Die Regierung Trudeau hält den Ausbau aus wirtschaftlichen Gründen für unverzichtbar und hat die Erdölpipeline 2016 genehmigt. Auch die kanadische Aufsichtsbehörde hat sie unter Auflagen durchgewinkt. Der texanische Energiekonzern Kinder Morgan hat umgerechnet 4,7 Milliarden Euro bereitgestellt, um die Röhre durch die Wildnis zu rammen und zwölf neue Pumpstationen zu bauen.

Trotzdem sieht es nun so aus, als würde die Pipeline nicht gebaut. Dieser Tage kündigte Kinder Morgan überraschend an, alle vorbereitenden Bauarbeiten vorerst einzustellen. Grund sind massive Widerstände von Umweltschützern und Ureinwohnern sowie anhaltende juristische Probleme. Zudem lehnt die sozialdemokratische Regierung der Küstenprovinz British Columbia mit ihrer Hauptstadt Vancouver die Pipeline ab.

Der Chef des texanischen Energiekonzerns Steve Kean betonte, die Unsicherheiten seien den Aktionären nicht weiter zuzumuten. Das Unternehmen hat bislang eine knappe Milliarde Euro in das Projekt investiert. Zugleich stellte Kean der Regierung ein Ultimatum: Man werde das Projekt endgültig fallen lassen, falls die Beteiligten bis Ende Mai keine Rechtssicherheit für die Pipeline hergestellt hätten.

Danach sieht es derzeit nicht aus.

In Kanada sind mehrere Klagen gegen die Pipeline anhängig. Die von den Grünen tolerierte Regierung in British Columbia hat versprochen, den Bau "mit allen Mitteln" zu stoppen. An diversen Baustellen war es zuletzt zu Protesten gekommen, wobei Hunderte Demonstranten festgenommen worden sind, darunter auch zwei Parlamentarier aus Ottawa.

Der Oberhäuptling der Ureinwohner von British Columbia, Stewart Phillip, sagte am Wochenende am Rande einer Demonstration in Burnaby, die Pipeline-Pläne seien "gefährlich, schädlich und schmutzig". Der Klimaschutzaktivist Mike Hudema von Greenpeace betonte, die Investoren hätten offenbar verstanden, dass der Widerstand gegen das Projekt in Kanada täglich größer werde.

Tatsächlich ist die Pipeline in den Küstengemeinden Kanadas hoch umstritten, denn Kinder Morgan möchte damit rund drei Mal mehr Öl an den Pazifik transportieren als bislang. Die Kapazität des bisherigen Systems soll von rund 300.000 Barrel Erdöl pro Tag auf knapp 900.000 Barrel steigen. Statt derzeit fünf würden dann 34 Tanker im Monat in den Gewässern rund um Vancouver kreuzen.

Für Umweltschützer ist das ein Albtraum. Die zerklüfteten Küsten vor British Columbia gelten als sehr schwierig zu navigieren und werden oft von Stürmen heimgesucht. Ein Tankerunfall hätte verheerende Folgen für die Lachsbestände der Region, von denen viele Ureinwohner leben. Fatal wäre es auch für die heimischen Orcawale, deren Population wegen des steigenden Schiffsverkehrs bereits jetzt als gefährdet gilt.

Für die kanadische fossile Energieindustrie dagegen ist die Pipeline von immenser Bedeutung. Kanada sitzt auf den drittgrößten Rohölreserven der Welt, hat aber große Schwierigkeiten, das Öl auf die Weltmärkte zu bringen, weil es im eigenen Land nicht genügend Transportkapazitäten gibt. Würde die Pipeline gebaut, hoffen die Produzenten auf Märkte in Asien. Gewonnen wird Teersand, aus dem Öl erst raffiniert werden muss. Es gilt als eine der klimaschädlichsten Ölarten. Abgebaut wird es im Tagebau. Enorme ökologische Schäden, wie etwa die Verseuchung von Gewässern, werden in Kauf genommen.

Premierminister Justin Trudeau steckt in der Zwickmühle. Er hat sein politisches Schicksal eng mit dem Bau der Trans Mountain Pipeline verknüpft. Erst vor einer Woche hatte er die Ölsand-Hauptstadt Fort McMurray in Alberta besucht und den Ölarbeitern demonstrativ den Rücken gestärkt.

Trudeau befürchtet, dass Investoren Kanada links liegen lassen könnten, falls die Pipeline scheitert, und hat angekündigt, die Röhre trotz aller Widerstände durchzusetzen. Wie er das anstellen will, ist auch nach einer eilig einberufenen Sondersitzung des Kabinetts unklar. In Kanada ist die Zentralregierung für Infrastrukturprojekte wie Pipelines zuständig, die Provinzen aber haben die Kompetenzen in der Energie- und Rohstoffpolitik.

Aufgerufen am 22.04.2018 um 04:23 auf https://www.sn.at/panorama/klimawandel/pipeline-zum-pazifik-vorerst-gestoppt-26755807

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