Klimawandel

Tabak verkauft sich gut, ist aber nicht zu essen

Kubas Landwirtschaft ist eine der nachhaltigsten der Welt. Sie hat nur einen Nachteil: Sie produziert zu wenig Nahrungsmittel.

Für Tabak ist die große Karibikinsel berühmt.  SN/epa
Für Tabak ist die große Karibikinsel berühmt.

Um seine Versorgungsschwierigkeiten zu meistern, setzt Kuba auf Gentechnik. Ab Frühjahr sollen gentechnisch veränderte Mais- und Sojapflanzen in größerem Stil angebaut werden. Das kündigte die Regierung in Havanna an. Damit sollen die Ausgaben für Lebensmittelimporte verringert werden. "Nach erfolgreichem Abschluss der nötigen Tests bei den zuständigen Behörden können wir transgenen Mais und Soja ab Frühjahr 2017 auf größeren Flächen anpflanzen", sagte Mario Estrada, Leiter der Agrarabteilung im Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie (CIGB), gegenüber der kubanischen Parteizeitung "Granma". Kuba hofft, auf diese Weise die Einfuhr von Mais und Soja zu verringern.

Im Jahr 2014 importierte das Land Mais und Soja im Wert von mehr als 500 Millionen Dollar. Insgesamt gibt die Karibikinsel jedes Jahr rund zwei Milliarden Dollar für Lebensmittelimporte aus. Drei Viertel aller Lebensmittel - oder achtzig Prozent aller Kalorien - müssen eingeführt werden. Das ist ein hoher Posten im ohnehin überforderten Staatshaushalt.

Das einzige Agrarprodukt, das Geld einbringt, ist der Tabak: Kubanische Zigarren genießen weltweiten Ruf.

Nur wenige Tage vor dem Jahreswechsel verkündete Präsident Raúl Castro in der Nationalversammlung, dass sich das Land in einer Rezession befinde. Das Bruttoinlandsprodukt ist 2016 um 0,9 Prozent gesunken. Grund sind geringere Exporteinnahmen sowie schrumpfende Erdöllieferungen aus Venezuela. Höhere Einnahmen aus dem Tourismus und den Transferzahlungen von Exilkubanern gleichen die Ausfälle nicht aus. "Es ist wichtig, drei entscheidende Prämissen zu erfüllen: Exporte und die damit verbundenen Einnahmen zu garantieren, die importsubstituierende nationale Produktion zu steigern und nicht unbedingt notwendige Ausgaben zu reduzieren", sagte Castro vor den mehr als 600 Abgeordneten. Der Umbau der kubanischen Landwirtschaft zu einer effizienteren Lebensmittelproduktion bereitet allerdings seit Jahren Probleme. Die Karibikinsel ist ein Vorreiter im biologischen Anbau. Das allerdings ist nicht einem Plan oder gar einem Konzept geschuldet, sondern mangels Dünge- und Pflanzenschutzmitteln aus der puren Not entstanden. So gilt Kuba einerseits als das nachhaltigste Land der Welt, jedoch werden zu wenig Lebensmittel hergestellt. Havanna steht damit vor der Entscheidung: Nachhaltigkeit und Lebensmittelimporte oder Gentechnik und Ernährungssicherheit?

Gentechnische Untersuchungen begannen bereits 1996; Versuchsreihen im kleinen Rahmen laufen seit 2009. Zuvor hatte Kuba mit einem Gesetz zur biologischen Sicherheit den rechtlichen Rahmen gesetzt. "Derzeit arbeiten wir an neuen Linien hybrider, genetisch veränderter Maissorten, die auf kleiner Fläche ein Ertragspotenzial von neun Tonnen pro Hektar zeigen. Das ist recht nah an dem von den global führenden Ländern erreichten Produktionsniveau", meinte Estrada. Gleichzeitig sei mit gegen Herbizide resistentem Transgen-Soja experimentiert worden.

Während der Anbau gentechnisch veränderter Lebensmittel weltweit Gegenstand zum Teil polemischer Diskussionen ist, findet auf Kuba eine breitere gesellschaftliche Debatte zum Für und Wider von Gentechnik kaum statt. In einem Radiointerview mit dem regierungsnahen Onlineportal Cubadebate im vergangenen Sommer setzten sich zwei kubanische Experten klar für die Gentechnik ein. "Selbstverständlich können Probleme auftreten. Es wäre unverantwortlich zu sagen, dass eine Veränderung in der Umwelt nicht zu irgendeinem Problem führen kann, wobei jedoch die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte allein ein äußerst wichtiges Pro ausmachen", sagte Luís Montero Cabrera, leitendes Mitglied der Kubanischen Akademie der Wissenschaften und Buchautor. Und auch Abel Hernández Velázquez, Leiter der Abteilung für Pflanzenbiotechnologie im CIGB, sieht Gentechnik "durchaus positiv": "Dennoch wird der Kampf gegen die transnationalen Saatgutkonzerne häufig mit dem Kampf gegen genveränderte Pflanzen durcheinandergebracht." Gentechnische Produkte seien seit mehr als 20 Jahren im Gebrauch und deren "Harmlosigkeit" sei von vielen Wissenschaftern weltweit belegt. Sowohl Cabrera als auch Hernández sahen in der Gentechnik die Lösung für die Lebensmittelversorgung.

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