War die Menschheit je verrückter?

Die Erderwärmung lässt sich nicht mehr verleugnen, die Verantwortung dafür auch nicht. Wie lange wollen wir noch untätig bleiben?

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Standpunkt Martin Stricker

E s ist ja nicht nur der Sommer. Im Frühjahr schon hatte eine Hitzewelle Kanada im Griff. Seit Wochen steigen die Temperaturen. Sei es in Japan, wo die Regierung von einer Naturkatastrophe sprach. Sei es in Schweden, das seine Waldbrände nicht unter Kontrolle bekam und um internationale Hilfe ersuchte. In Irland wurde Anfang Juli schon Wasser rationiert. In Sibirien stehen Zehntausende Hektar Wald in Flammen, auch in Kalifornien toben nie da gewesene Feuersbrünste. In Norwegen flüchten sich Rentiere in kühle Straßentunnel. Bei uns in Mitteleuropa zeigt das Thermometer seit Tagen deutlich mehr als 30 Grad Celsius. Für das Wochenende werden in Spanien und Portugal neue Rekorde vorhergesagt. Bis zu 47 Grad heiß soll es werden.

Und nein, es handelt sich nicht um himmlische Wetterkapriolen. Der Mensch mischt kräftig mit. Längst sorgt der von der Zivilisation angeheizte Klimawandel dafür, dass Hitzewellen und Dürren, Stürme und Starkregen heftiger ausfallen, in kürzeren Abständen auftreten und die dahinterstehenden Wetterlagen immer länger stationär bleiben. Gerade erst veröffentlichte die US-Klimabehörde einen 300 Seiten starken Bericht, an dem mehr als 500 Forscher aus 65 Ländern mitarbeiteten. Demnach waren die vergangenen vier Jahre die wärmsten seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen im späten 19. Jahrhundert. Die Konzentrationen der Klimagifte CO2 und Methan erreichten 2017 neue Höchstwerte. Was wir jetzt erleben in diesen Hitzemonaten, die Flüsse trockenlegen, Städte zu Betonwüsten machen und Bauern zur Verzweiflung treiben, sind die Folgen. Was wir als Ausnahmeerscheinung betrachten, wird Zukunft - wenn wir nicht raschest etwas unternehmen.

Das Rezept liegt vor. Verordnet wurde es von Wissenschaft und Forschung. Zweifel gibt es nicht mehr: Der Ausstoß von Treibhausgasen aus Auspuffen und Schornsteinen, aus Kraftwerken und Fabriken muss sinken; nicht morgen oder übermorgen, sondern sofort. Nicht langsam, sondern schnell. Wer immer noch meint, diese Forderungen wären weit hergeholt, möge nur ins Freie gehen und einen Blick aufs Thermometer werfen.

Schon richtig, die Wende weg von Öl und Kohle ist eingeleitet, doch sie verläuft viel zu träge. Erfolge gibt es nur beim Strom zu vermelden. Weltweit stammt bereits ein Viertel der Gesamtproduktion aus erneuerbaren Energien, in die auch ein Großteil der Neuinvestitionen fließt, wie das Expertennetzwerk Ren21 berichtet.

Doch Strom liefert nur ein gutes Fünftel des im derzeitigen Wirtschaftsmodell stets steigenden Energiebedarfs. Heizen und Kühlen macht rund die Hälfte aus, davon aber liefern saubere Quellen nur zehn Prozent. Ein Drittel des Bedarfs entfällt auf den Verkehr, auf Pkw also, auf Lastwagen, Flugzeuge und Schiffe und deren Antrieb, den Verbrennungsmotor. Alternativen zum Sprit entwickeln sich nur langsam.

Die Temperaturen aber steigen immer schneller. Die Frage drängt sich auf: War die Menschheit je verrückter? Ihre politische Führung, man muss es wohl so sagen, je unfähiger? Wie kann es sein, dass Kohlekraftwerke immer noch ein Geschäft sind? Dass benzinbetriebene Autos fette Profite bringen, Elektrofahrzeuge aber nicht? Wieso fließen immer noch 370 Milliarden Dollar Jahr um Jahr als Subventionen für fossile Brennstoffe, aber nur halb so viel für erneuerbare Energien?

Es gebe zwar eine "blühende politische Rhetorik", wie der deutsche Klimaforscher Ottmar Edenhofer dieser Tage in Salzburg sagte, doch an den Umsetzungen fehlt es. Eine höchst wirksame, simple und marktkonforme Umsetzung wäre eine CO2-Abgabe: Wer Treibhausgas freisetzt, zahlt. Ob Autofahrer, Fabrikbetreiber, Spediteur, Strom- oder Wärmeproduzent, kleiner Landwirt oder Agrargroßbetrieb. Gleichzeitig werden die Subventionen für Öl, Kohle und Gas zurückgefahren. Diese Politik würde steuern, und das in die richtige Richtung. Den Rest regelt der freie Markt: Wer es zuwege bringt, möglichst kohlenstoffarme, also für Verbraucher und Produzenten attraktive Technologien anzubieten, macht das Rennen und das Geld.

Gut für die Wirtschaft, gut für die Menschheit, gut für den Planeten. Am Einzelnen liegt es nicht. Es liegt an der politischen Beschlussfassung. Mehr ist nicht nötig.

Aufgerufen am 19.12.2018 um 04:59 auf https://www.sn.at/panorama/klimawandel/war-die-menschheit-je-verrueckter-38333911

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