Martin Luther ist der kirchliche Jahresregent

Zwei Bibeln, zwei Kirchen und über allem der Reformator. Es wird ein spannungsreiches Kirchenjahr 2017.

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Panorama Josef Bruckmoser

Das Reformationsgedenken 2017, das an den Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren in Wittenberg erinnert, hat mit einem Paukenschlag begonnen: Lutheraner und Katholiken bestehen jeweils wieder auf ihre eigene Bibelübersetzung. Die neue Lutherbibel, die sich wieder stärker an die kräftige Sprache des Reformators anlehnt, ist in Österreich zum Reformationstag 2016 offiziell präsentiert worden. Die neue Einheitsübersetzung der katholischen Kirche folgte im Dezember.

Diese Einheitsübersetzung war 1978 erstmals erschienen, und zwar unter ausdrücklicher Beteiligung der evangelischen Kirche. Jetzt ist diese Gemeinsamkeit wieder passé. Das ökumenische Klima zwischen Rom und den evangelischen Christen hat sich abgekühlt. 2005 wurde daher auch die ökumenische Zusammenarbeit an der neuen Einheitsübersetzung abgebrochen. Einerseits behielt sich Rom das letzte Wort vor, andererseits hatten sich die Evangelischen nie mit der gemeinsamen Bibel angefreundet. Ihr Herz hängt an der Lutherbibel.

Nun gibt es also wieder zwei ausgeprägt unterschiedliche offizielle deutsche Bibeln, eine römisch-katholische und eine lutherische. Das ist ein klarer Rückschritt in den Annäherungsversuchen der christlichen Kirchen - zumindest wenn man die auf beiden Seiten zahllosen Beteuerungen als Maßstab nimmt, wie sehr die Trennung schmerze und wie groß der Wunsch nach ökumenischer Einheit sei.

Andererseits sind zwei Kirchen und zwei Bibeln nicht nur von Übel. Wir leben in Zeiten, in denen Diversität hoch im Kurs steht. Warum sollte es nicht auch eine Vielfalt des Christlichen geben? Solche Unterschiedlichkeit muss nicht nur als Bruch und Spaltung gesehen werden. Dass es katholische, evangelische und orthodoxe Christen gibt, ist auch eine Bereicherung. Keine dieser Kirchen kann für sich beanspruchen, dass sie die volle, die allumfassende, die im wahrsten Sinne des Wortes katholische Fülle des Evangeliums gepachtet habe. Auch wenn dieser Wahrheitsanspruch besteht, ist niemand gegen menschliche Irrtümer gefeit. Selbst der "unfehlbare" Papst würde das heute nicht mehr von sich behaupten.

Im SN-Interview meinte ein katholischer Amtsträger, auch seine Kirche wäre ohne Martin Luther ärmer. Der Reformator habe wesentlich Christliches erkannt: die Freiheit des Christenmenschen, die Kirche als Volk Gottes oder die Wertschätzung der Bibel. Umgekehrt sagte ein evangelischer Superintendent, seine Kirche könne von den Katholiken die Kunst des Feierns lernen, und der jetzige Papst sei eine faszinierende Persönlichkeit.

Etwa so, als ehrliche Begegnung auf Augenhöhe, könnte sich ein ökumenisches Miteinander zum Reformationsjubiläum 2017 darstellen. Denn Faktum ist, dass beide Seiten derzeit zu größeren Schritten hin auf mehr Einheit nicht willens und fähig sind. Die evangelische Seite beißt sich an ihrem Lieblingswunsch nach der Abendmahlsgemeinschaft fest, und Rom hat den evangelischen Kirchen im Jahr 2007 in harscher Zurückweisung ausgerichtet, sie seien gar keine Kirchen "im eigentlichen Sinne".

Für beide gilt: 2017 ist Martin Luther der Regent des christlichen Kirchenjahres. Um dieses historische Datum zu würdigen, braucht es mehr als hohle Ökumene-Bekenntnisse. Es braucht Demut, Einsicht und die ehrliche Auskunft an die Gläubigen hier wie dort, dass es bis zur Einheit ein steiniger Weg ist.

Die Vielfalt des Christlichen ist dabei das geringste Hindernis. Die größte Hürde ist die Angst, man könnte sich etwas vergeben und dem anderen zu weit entgegenkommen. So hat es die evangelische Kirche nicht übers Herz gebracht, den Papst im Luther-Jahr nach Wittenberg einzuladen. Da ist man dann doch lieber unter sich. Auf der anderen Seite haben maßgebliche Kardinäle im Vatikan ungeniert verlauten lassen, dass Rom mit dem Reformator nichts gemein habe. Offenbar sind es solche vom Papst selbst beklagten "böswilligen Widerstände", die ihn hindern, seinem Wunsch zu folgen und im Gedenken an den Thesenanschlag von 1517 nach Deutschland zu kommen.

Bleibt als einzige ökumenische Gemeinsamkeit im Jahr des Reformationsjubiläums ein möglichst ehrlicher Umgang miteinander. Es ist keine Schande zu sagen: Tut uns leid, wir sind nicht so weit. Und ja, wir haben noch viel voneinander zu lernen. Es muss ja nicht noch einmal 500 Jahre dauern.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 07:34 auf https://www.sn.at/panorama/martin-luther-ist-der-kirchliche-jahresregent-553273

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