Medien

60 Jahre "Bravo": Geliebt, bekämpft, geschrumpft

Sechzig Jahre sind ein stolzes Alter für ein Jugendmagazin. Einst rissen sich Backfische und Halbstarke um das Blatt. Später die Teenies. Mit Twitter und YouTube wurde alles anders.

60 Jahre "Bravo": Geliebt, bekämpft, geschrumpft SN/bravo
Die ersten Jahrzehnte der „Bravo“.

Die Szene wiederholte sich Samstag für Samstag: Den schweren Radioapparat in die Küche tragen und aufgeregt den Mittelwellensender Radio Luxemburg einstellen. Nach Sonnenuntergang funktionierte es auch in Österreich halbwegs mit dem Empfang. Gekrächzt hat der Ton trotzdem. Der Privatkanal Radio Luxemburg strahlte die Songs aus der Hitparade des "Bravo"-Hefts aus. Die Eltern schauten zum Glück im Wohnzimmer Heinz Conrads an - und der Herr Papa machte sich hin und wieder mit dem Ruf "Leiser, da draußen!" bemerkbar.

Was wird Nummer eins in der "Bravo"-Musicbox, wie die Hitparade offiziell hieß? "Lady Madonna" von den Beatles? "Words" von den Bee Gees? Oder gar Roy Black, das Feindbild unserer (Buben-)Klasse, mit dem unsäglichen "Bleib bei mir"? Aha, die Bee Gees. Am Montag wird es in der Schule wieder Diskussionen geben. Die Beatles-Fans werden von Schiebung sprechen.

Für die junge Generation in Zeiten von Twitter und YouTube ist es schwer vorstellbar: Die wöchentlich erscheinende Zeitschrift "Bravo" brachte das Neueste vom Beat (damals der Sammelbegriff für Pop und Rock) in die eigenen vier Wände. Im Jahr 1968 war "Bravo" zwölf Jahre auf dem Markt und hatte sich schon mehrfach den Wünschen der immer wieder neu nachrückenden Jugendlichen angepasst. Aus Rock 'n' Roll ist eben der Beat geworden. Der noch junge Sender Ö3 bemühte sich - aber in der "Bravo"-Musicbox tauchten die Platten mindestens einen Monat früher auf.

Kindheit bye-bye

Erster Kuss, erste Zigarette, erstes vom Taschengeld gekauftes "Bravo"-Heft. Kindheit bye-bye. Jahrzehnte war es wie ein ungeschriebenes Gesetz. "Am 26. August 1956 erschien mit der Startauflage von 30.000 Exemplaren die Nr. 1 einer neuen Zeitschrift: ,Bravo - Zeitschrift für Film und Fernsehen'. Seitdem hat ,Bravo' wie kein anderes Medium ganze Jugendgenerationen geprägt", urteilte das deutsche Archiv der Jugendkulturen vor zehn Jahren zum Jubiläum "50 Jahre ,Bravo'." Ob als "Spiegelbild des Zeitgeists", als Maßstab bei der "Kommerzialisierung von Jugend(-kulturen) durch Charts und Ranglisten" oder mit der Sexualaufklärung als "neben dem Starkult zweiten tragenden Element" - an "Bravo" kamen weder Jugendliche noch Eltern noch professionelle Jugendschützer vorbei.

Die ersten 50 Jahre der Institution "Bravo" prägten heftige Debatten. Ist die Ausrichtung progressiv oder reaktionär? Als der Psychotherapeut und Religionslehrer Martin Goldstein, der erste Sexualberater hinter dem Pseudonym Dr. Sommer, im Jahr 1969 die Selbstbefriedigung als unschädlich bezeichnete, war der Teufel los. Die deutsche Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien stellte "Bravo" auf ihren Index. Begründung: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."

Umgekehrt hagelte es Spott und Hohn von kritischen Geistern. "Bravo" spüle weich und vermittle den Heranwachsenden ein völlig falsches Weltbild. Die massive Berichterstattung über Stars wie Roy Black oder die halb gare Boygroup Bay City Rollers oder die Verherrlichung von fragwürdigen Moden stieß vielen sauer auf. Wolfgang Niedecken, charismatischer Sänger der Gruppe BAP, wetterte in den frühen Achtzigern auf der Bühne über "Jugendverblödungszeitschriften" und machte klar, welches Blatt er damit besonders meinte.

Der Ausrichtung treu geblieben

"Bravo" umschiffte alle Klippen, wurde groß und größer und erreichte sogar die Millionenauflage. Die wechselnden Chefs blieben dabei einer Ausrichtung treu: "Bravo" startet keine Trends, sondern spürt neue Entwicklungen früh auf und macht sie zum Thema. Zur Ehre von "Bravo" muss festgehalten werden: Zu Starkult und Charts ergänzten schon in den frühen Sechzigern Artikel zu Gesellschaftsfragen den Inhalt. Es begann mit "Ihr und Wir", einer Debatte zwischen Eltern- und Jugendgeneration. Titel wie "Wir sind nicht verdorben" oder "Ich möchte einen Orientalen heiraten" erregten Aufmerksamkeit. Schlagzeilen aus späteren Jahren: "Hast du schon mal gehascht, Juliane?", "Heroin war sein Mörder", "Punker Christian und seine Ratte Adolf", "Treue schützt vor Aids", "Beendet doch endlich den Wahnsinns-Krieg (Anm.: Jugoslawien-Konflikt)", "Asylanten - ist unser Boot voll?", "Ich würde kein Organ spenden". Letztgenanntes war übrigens ein Zitat von Plattenmillionär Dieter Bohlen.

Kommenden Freitag feiert "Bravo" aber nicht den 50., sondern den 60. Geburtstag und nichts ist mehr so, wie es einst war. Die vergangenen zehn Jahre haben "Bravo" zugesetzt, wie es in der Wucht niemand erwartet hatte. Die Frage, wer noch "Bravo" liest, lässt sich an Zahlen ablesen. Die Erinnerung an eine Millionenauflage wirkt wie ein verklärter Traum. Mittlerweise sind es rund 130.000 Hefte, die nur noch alle vierzehn Tage in Umlauf kommen.

Die Jugend 2016 blättert selten, wenn es sich nicht um Schulbücher handelt. Die große Mehrheit klickt und wischt sich in der Freizeit durch das Internet. "Bravo" ist selbstverständlich auch online vertreten. In verschiedenen Formen bis zum Radio mit vier verschiedenen Channels, auch als App. Aber die Konkurrenz ist groß. Im Netz gibt es neue Songs schon unmittelbar nach ihrer Produktion direkt vom Urheber. Zwischenmenschliches wird in allen auch schwer vorstellbaren Variationen frei Haus geliefert. Aufklärung nach "Bravo"-Art wirkt dagegen wie ein Ratespiel im Kindergarten.

Warnungen von Erziehern

Diskussionen und Skandale rund um "Bravo"? Warnungen von Erziehern und solchen Leuten, die sich dafür halten? Alles Geschichte. Halt, etwas gab es in jüngerer Vergangenheit. Einen Shitstorm. Etwa vor einem Jahr versetzten online veröffentlichte "Bravo"-Flirttipps mit dem Titel "So fällst du Jungs auf: 100 Tipps für eine Hammer-Ausstrahlung" das Netz in Aufregung. Die Tipps würden ein rückständiges Frauenbild transportieren. Die "Bravo"-Redaktion löschte den Beitrag und entschuldigte sich.

"Bravo" muss heute um seine immerwährende Jugend hart kämpfen und verbucht trotz Gegenwind Erfolge. ",Bravo' ist und bleibt das Sprachrohr der Jugend und Europas größte Jugend-Multichannel-Marke", sagt Chefredakteurin Nadine Nordmann, ",Bravo' bietet Orientierung beim Erwachsenwerden." Das breit gewordene Spektrum an Idolen werde berücksichtigt: "Mit Bianca Heinicke von bibisbeautypalace hatten wir 2014 als erstes Jugendmagazin eine YouTuberin auf dem Cover. Dagi Bee, Die Lochis und viele mehr sind im Jubiläumsjahr unsere ständigen Begleiter."

Konsequenterweise findet die offizielle Beschäftigung von "Bravo" mit dem runden Geburtstag vor allem online auf Twitter statt. Da gibt es Häppchen, die längst vergangene Tage wachrufen. Wer erinnert sich noch an den ersten großen Erfolg von Nena? Wer an die Ponderosa-Ranch? Archivarisches zu "Bravo" lässt sich auf privat betreuten Portalen abrufen. Da sind die Titelseiten nach Jahrzehnten geordnet zu finden, Charts, Rubriken und vieles mehr. Originalhefte aus allen Jahrzehnten bieten Händler stapelweise auf eBay an. Nur sollte man hier wegen der Wucherpreise vorsichtig sein.

Jede "Bravo"-Epoche hat ihre Feinheiten. In frühen Jahren verkündete ein gezeichneter Bühnenbeleuchter namens Otto: "Jetzt rede ick" und erzählte von Stars wie Ruth Leuwerik oder Horst Buchholz. Otto wurde 1957 zum Namenspatron der jährlichen Auszeichnungen in Gold, Silber und Bronze. Es gibt sie bis heute. So gut wie vergessen sind die Schallfolien, die in den späten Sechzigern nach der Otto-Wahl dem Heft beilagen. Die Folien benötigten zum Abspielen eine Schallplatte als Unterlage.

Selbstredend heimste Roy Black Ottos sonder Zahl ein. Auf einer Folie bekannte er: "Ich weiß, viele halten mich für einen Schnulzensänger." Immerhin. Nach seinem Ableben erfuhren Black-Verehrer(-innen) und -Verachter, wie stark Gerhard Höllerich (so sein bürgerlicher Name) unter seinem Image gelitten hatte. Er wollte ein Rock 'n' Roller sein, aber die Produzenten forderten schmalzige Lieder von ihm. Im "Bravo" (im Herkunftsland Deutschland heißt es in der "Bravo") war Roy Black über viele Jahre Dauergast und Coverboy. Und was für eine passende Lovestory: Der berufliche Dauerlächler Roy heiratete Silke, eine Layouterin des Verlagshauses. Was "Bravo" auszeichnete: Mitten im Black-Rummel gab es ein Heft mit einem Poster der weitgehend noch unbekannten Gruppe The Jimi Hendrix Experience.

Der "Bravo"-Starschnitt

Ein wichtiges Kapitel: der "Bravo"-Starschnitt. Mit Brigitte Bardot in Lebensgröße begann 1959 die Ära der Starschnitte. Und auch die Ära der "Bravo"-Verbote durch Eltern. Die Bardot zeigte sehr viel Bein auf der Abbildung. Die Verbote verschärften sich, je stärker die Aufklärung ins Blatt rückte. Es begann 1962 schüchtern mit dem "Knigge für Verliebte". Dann kamen Dr. Sommer und Dr. Korff. Mütter oder Väter, die nicht ganz so streng auftreten wollten, klebten zumindest die als anstößig empfundenen Seiten zusammen.

Wer "Bravo"-Hefte von einst in Erinnerung hat, wird sich bei der Lektüre einer aktuellen Ausgabe wundern. Kaum noch Storys über Stars, die Charts der Woche auf ein Minimum reduziert. Es geht um "zehn beste Hair Hacks". Beispiel: "Sprüh Haarnadeln mit Haarspray ein, bevor du sie in deine Frisur steckst - so halten sie viel besser." Oder um "17 Dinge, die du tun kannst, um anderen zu zeigen, wie special du bist". Die "Dr. Sommer"-Rubrik ist immer noch da - die gezeigten Paare sind nur noch beim "Body-Check" nackt. Zeitlos: "Bye Bye Pickel! Mario verrät seine besten Tipps & Tricks!"

Mit Tipps der besonderen Art sucht "Bravo" eine neue Zielgruppe. Der Bauer-Verlag legte das Sonderheft "Dr. Sommer Bravo-Eltern - Liebe Sex & Körper in der Pubertät" auf. Ein "Top-Guide für Eltern und Jugendliche". Gemeinsam lesen? Na Bravo.

Aufgerufen am 18.09.2018 um 11:24 auf https://www.sn.at/panorama/medien/60-jahre-bravo-geliebt-bekaempft-geschrumpft-1138375

Schlagzeilen