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Der Brexit bestimmt mittlerweile ihr ganzes Leben

Katrin Pribyl, die Großbritannien-Korrespondentin der "Salzburger Nachrichten", berichtet seit Monaten so gut wie täglich aus London. Zum Zurücklehnen bleibt in der heißen Brexit-Phase keine Zeit. Wie sich das anfühlt und wie ihr Alltag ausschaut, das wollten wir von der 36-jährigen Deutschen wissen.

SN: Passt das Wetter heute in London zum Brexit-Chaos?
Katrin Pribyl: Es ist bislang etwas grau, aber das hellt sicherlich noch auf wie schon in den letzten Wochen, in denen es herrlich sonnig war. Passt also irgendwie zum Brexit. Optimismus ist alles - beim Wetter wie beim Brexit.

SN: Wie fühlt sich der tägliche Brexit für Sie an?
Faszinierend und mühsam. Spannend und doch wie ein Wahnsinn. Man begleitet ein Stück Zeitgeschichte und es ist aufregend, auch großartig und doch anstrengend, manchmal deprimierend. Mein Gefühl wechselt mehrmals am Tag.

SN: Hat das Ganze etwas von "the same procedure every day"?
Yes.

SN: Wie läuft so ein Brexit-Tag ab?
Ich gehe am Morgen die Zeitungen durch und plane den Tag, schreibe zudem die Ankündigung an die Redaktionen. Gleich habe ich einen Termin mit dem "Guardian"-Karikaturisten Steve Bell in Brighton für eine große Geschichte zum Ende der Woche. Im Zug erledige ich E-Mails. Dann habe ich ein Telefon-Interview mit einer Politikwissenschaftlerin für dieselbe Geschichte, die sich darum drehen soll, wie die vergangenen Jahre, die Brexit-Jahre das Land verändert haben. Im Anschluss gehe ich entweder nach Westminster, um die Debatte im Parlament zu verfolgen oder ich schaue sie mir am Bildschirm an. Ein Tag wie heute ist lange, weil die Abstimmungen erst am Abend stattfinden. Ich bereite zwar einiges vor, kann aber erst so richtig schreiben, wenn auch etwas passiert ist. Leider ist es die Regel, dass die wichtigen Dinge im Parlament abends stattfinden und sich alles oft bis in die Nacht zieht.

SN: Wie herausfordernd ist das Ganze für Sie als Korrespondentin?
Es klingt traurig, aber der Brexit hat im Grunde mein Leben übernommen.

SN: Bringt die viele Arbeit, die vielen Aufträge, auch mehr Bekanntheit mit sich?
Nicht in Großbritannien, und alles andere bekomme ich nicht mit. Die viele Arbeit beschert mir eher eine deutlich größere Zahl von aufgebrachten Leserbriefen.

SN: Wie viel schlafen Sie derzeit?
Ha. Zu müde, um die Stunden zu zählen.

SN: In der Früh, wenn Sie aufstehen, denken Sie an …
Was ist jetzt schon wieder passiert?

SN: Seit wann eigentlich sind Sie im Korrespondenten-Dauereinsatz?
Im Grunde begann der Wahnsinn im Frühjahr 2016 und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Brexit, Terror-Anschläge, Brexit, Grenfell-Tower-Brand, Brexit, der Skripal-Fall und wieder Brexit, dazwischen Wahlen und das tägliche Polit-Chaos. It's never ending.

SN: Träumen Sie schon vom Brexit?

Das geht dann doch zu weit.

SN: Wann hatten Sie das letzte Mal frei?
Anfang August letzten Jahres.

SN: ORF-Korrespondentin Cornelia Primosch hat im Ö3-Frühstücksradio mit Claudia Stöckl vor ein paar Wochen erzählt, sie stünde die ganze Zeit im Gatsch vor dem Londoner Parlament. Gibt es bei Ihnen auch einen Ort, den sie lieber mal eine Zeit lang nicht mehr sehen würden?
Ja, Cornelia treffe ich manchmal im Matsch, aber als schreibende Journalistin muss ich glücklicherweise weniger Zeit vor dem Parlament verbringen. Aber ich liebe den Westminster-Palast, dieses altehrwürdige Gebäude mit der langen Geschichte, den Mythen und irgendwie auch der Magie. Es ist doch ein Privileg, in und aus London berichten zu dürfen, das wird mir im Regierungsviertel immer noch deutlicher als sonst bewusst.

SN: Das ganze Chaos rund um den (möglichen) Austritt Großbritanniens aus der EU hat auch etwas sehr Skurriles, insofern Britisches. Wie sehen Sie das?
Ich weiß nicht, ob das Chaos so britisch ist, aber der Umgang damit auf jeden Fall. Weder die britischen Kollegen noch die Politiker oder die Menschen scheinen bei allem Wahnsinn ihren Humor verloren zu haben. Das ist wunderbar.

SN: Lustig war …
... dass mir damals Anfang 2014, als ich nach London zog, viele Kollegen gesagt haben, dass Großbritannien politisch ja eigentlich langweilig sei.

SN: Theresa May kennt Sie …
... nicht. Sie zeigt - wie im Übrigen die meisten britischen Politiker - ein bemerkenswertes Desinteresse an Auslandsjournalisten. Passt zum Brexit.

SN: Wonach sehnen Sie sich?
Urlaub ohne das B-Wort.


Aufgerufen am 20.09.2020 um 10:06 auf https://www.sn.at/panorama/medien/der-brexit-bestimmt-mittlerweile-ihr-ganzes-leben-67893637

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