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"Diarium": Online-Zugang zur weltältesten Tageszeitung

Am 8. August 1703 erschien die erste Ausgabe des "Wiennerischen Diariums". Diese älteste noch existierende Tageszeitung der Welt - heute unter dem Namen "Wiener Zeitung" bekannt - wird seit 2017 von Forschern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) digitalisiert. Mittlerweile sind mehr als 300 Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert im Volltext erfasst und online durchsuchbar.

Im 18. Jahrhundert sind etwa 10.000 Nummern des "Wiennerischen Diariums" - der Name wurde später auf "Wienerisches Diarium" geändert, seit 1780 heißt das Blatt "Wiener Zeitung" - erschienen. Das Team um Claudia Resch, Germanistin am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW, und Anna Mader-Kratky vom ÖAW-Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes hat mehr als 300 davon nicht nur digitalisiert, sondern auch wissenschaftlich erschlossen. Das Ergebnis - etwa 6.000 Seiten beziehungsweise drei Millionen Wörter - wurde in der Webapplikation "Digitarium" frei zugänglich gemacht.

Die Bandbreite der Themen in dem Blatt ist mit jener heutiger Zeitungen durchaus vergleichbar. So finden sich in den über 300 Jahre in die Vergangenheit zurückreichenden Druckschriften auch aktuell klingende Nachrichten: In der Ausgabe von 9.-11. Oktober 1709 heißt es etwa, dass "allda niemand Frembder / ohne sichern Paß / wegen der anderwerts im Schwung gehenden bösen Seuche / eingelassen werde". Und in der Ausgabe von 16.-18. April 1721 ist zu lesen, dass "wegen der in Frankreich grassirenden Pest / weder Personen / Vieh / noch Waaren / von dorten" einreisen dürften.

Die Meldungen aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten im digitalen Diarium geben aber nicht nur Einblicke frühere Pandemie-Maßnahmen. Es lässt sich darin auch der Baufortschritt der Wiener Hofburg im Spiegel der Berichterstattung recherchieren, der Beginn der Luftfahrt verfolgen oder die Gestaltung von Inseraten im Lauf der Zeit.

Die digitalisierten Ausgaben sind auf der Webseite nach beliebigen Begriffen durchsuchbar, etwa nach historischen Ereignissen, Personen oder Orten. Die Genauigkeit der digitalisierten Texte ist mit 99,7 Prozent den Forschern zufolge sehr hoch, da die Inhalte nicht mit herkömmlichen Methoden der Optischen Zeichenerkennung (OCR) erfasst, sondern eine lernfähige Software verwendet wurde, die mit vielen Korrekturdurchgängen durch das menschliche Auge trainiert wurde. "Die Forschung braucht verlässlichere Texte und zeichengenaue Transkriptionen, in denen jedes Wort dem historischen Sprachstand gemäß korrekt wiedergegeben und damit auffindbar ist", erklärte Resch.

Ob weitere Ausgaben digitalisiert werden, hängt von der Bewilligung eines Folgeprojekts ab. "Es ist vollkommen klar, dass eine periodisch erscheinende Zeitung wie die Wiener Zeitung durchgehend im verlässlichen Volltext erschlossen werden sollte", sagte Resch zur APA. Mit der Auswahl von rund 300 Ausgaben habe man den Aufwand und die Qualität der lernfähigen Software abschätzen wollen. Für die Wissenschaft würde aber auch die unvollständige Textsammlung Sinn machen. So könne man etwa analysieren, wie sich Sprache und Stil im 18. Jahrhundert über die Zeit verändern.

(SERVICE - Internet: https://digitarium.acdh.oeaw.ac.at/)

Quelle: APA

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