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Ein Überlebender des "Charlie Hebdo"-Attentats erzählt

"Die Toten hielten einander fest an den Händen. Der Fuß des einen berührte den Bauch des anderen, dessen Finger das Gesicht des Dritten streiften, welches der Hüfte des Vierten zugekehrt war, und alle, wie nie zuvor und nun für immer, wurden in dieser Anordnung zu meinen Gefährten." Mit dieser Szene beginnt das wohl erschütterndste Kapitel in Philippe Lançons Buch "Der Fetzen", jenes Kapitel, in dem er das Attentat vom 7. Jänner 2015 auf die Redakteure von "Charlie Hebdo" schildert.

Inmitten seiner toten Freunde und Kollegen überlebt Lançon. Doch er ist schwer verletzt, sein Unterkiefer wurde fast komplett weggeschossen. Die nächsten Monate verbringt der Redakteur beinahe ausschließlich im Krankenhaus. In 17 Operationen wird sein Gesicht rekonstruiert: "Ich war ein Kriegsverletzter in einem Land, das im Frieden lebte, und fühlte mich hilflos." In seinem preisgekrönten Werk schildert Lançon (geb. 1963) das Attentat und die lange Zeit der Rekonvaleszenz. Es ist ein sprachlich elegantes und dabei analytisches Buch geworden, das sich wohltuend von der üblichen Betroffenheitsliteratur abhebt.

Zwar durchlebt der Autor die Vergangenheit noch einmal mit schmerzlicher Präzision, doch geht er gleichzeitig auf Abstand zu sich selbst. Denn Lançons Leben wurde durch das Massaker unwiderruflich in zwei Teile gespalten: der Mann vor dem Attentat existiert nicht mehr. Ja, das Handeln dieses "gewöhnlichen Journalisten", der er vor dem 7. Jänner 2015 war, erscheint ihm jetzt befremdlich, leichtfertig und selbstgerecht. Eine E-Mail, die er kurz zuvor an die Zeitung "Libération" schrieb und in der er sich abfällig über den Schriftsteller Michel Houellebecq äußerte ("guruhafte Figur"), weckt nun fast sein Mitgefühl. Denn diese letzten, so achtlos dahin geworfenen Worte seines alten Ichs wurden zum gleichen Zeitpunkt geäußert, da die Attentäter schon in den Vorbereitungen zu ihrem Anschlag steckten.

Lançon hat eine durchaus zwiespältige Haltung zum Satireblatt "Charlie Hebo". Die Zeitschrift war damals "praktisch am Ende", schreibt er. Von wegen "Ich bin Charlie". Frankreich liebte das Blatt vor dem Attentat nicht. Und auch Lançons Verhältnis zu den Kollegen war eher distanziert. Nun aber ist er für immer an die Toten gebunden: Der Anblick ihrer verstümmelten Leichen verfolgt ihn ebenso wie die Erinnerung an die schwarzen Beine des Attentäters, die "Allah- Akbar"-Rufe und die Schüsse während jener Minuten, als er selbst verletzt auf dem Boden lag und sich tot stellte.

Über Tod und Überleben entschied der Zufall: Lançons Besuch in der Redaktion an jenem Montagmorgen war einer spontanen Eingebung gefolgt. Die Redaktionskonferenz wollte er ursprünglich früher verlassen, doch dann zeigte er einem Kollegen noch kurz ein Buch. Diese zwei Minuten Verzögerung retteten ihm vermutlich das Leben: "Ich habe es hundertfach durchgerechnet." Wäre er früher gegangen, wäre er den Mördern im Flur oder im Treppenhaus direkt in die Arme gelaufen und erschossen worden. Diese albtraumhaften Minuten, aber auch viele glückliche Momente seines früheren Ichs durchlebt er in den langen Monaten der Abgeschlossenheit in verschiedenen Krankenhäusern.

An Schläuche, Sonden und Apparate angeschlossen, dringen nur wenige Nachrichten der Welt an ihn heran. Schwestern und Pfleger, vor allem aber die Chirurgin Chloé nehmen sein Leben in die Hand, seine Familie gibt ihm Kraft und auch die Literatur, speziell Kafka, Thomas Mann und Proust. Der Chirurgin, handfest, lebensklug und patent, gelingt das Wunder der Rekonstruktion seines zerstörten Gesichts, jenes "Fetzens". Danach schickt sie ihn unerbittlich in die Welt hinaus. Die Nachricht vom Attentat im Bataclan am 13. November 2015 erhält Lançon während eines Aufenthalts in New York. Noch in der Nacht schreibt seine Chirurgin: "Ich bin froh, Sie weit weg zu wissen. Kommen Sie nicht so bald wieder."

Philippe Lancon: Der Fetzen. Tropen, Stuttgart. 551 Seiten

Quelle: Apa/Dpa

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