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Hochdekorierter "Standard"-Fotograf Matthias Cremer ging in Pension

Der Fotograf will nun einen "ordentlichen zweiten Blick" auf sein Archiv werfen. Seiner Meinung nach ist die Lage für Pressefotografie "besonders übel". Cremer habe die Bildsprache anderer Medien beeinflusst, betont "Standard"-Herausgeber Oskar Bronner.

Hat die heimische Pressefotografie nachhaltg beeinflusst: Matthias Cremer. SN/apa/der standard
Hat die heimische Pressefotografie nachhaltg beeinflusst: Matthias Cremer.

Der hochdekorierte, langjährige "Standard"-Pressefotograf Matthias Cremer hat sich in die Pension verabschiedet. Über Jahrzehnte prägte er die gedruckten und digitalen Seiten seines Arbeitgebers und heimste dafür diverse Auszeichnungen ein - mehrmals kürte ihn etwa das Branchenmagazin "Österreichs Journalist:in" zum Fotografen des Jahres. Ganz zur Ruhe setzen will sich Cremer nicht, wenngleich er die Lage für die Branche im APA-Gespräch als "besonders übel" einstuft.

Der 1956 in Wien Geborene begann seine Fotografenkarriere als Mittzwanziger. 1986 waren seine Fotos in einer Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien zu sehen. Zwei Jahre später holte ihn Oscar Bronner vom "Falter" zur neugegründeten Tageszeitung "Der Standard", um deren Bildsprache mitzuentwickeln.

Seinen Arbeitgeber sollte er bis zu seiner Anfang Juli angetretenen Pension trotz so manchem lukrativen Angebots nicht mehr wechseln. "Cremer hat nicht nur wesentlich zum Erfolg des 'Standard' beigetragen, sondern auch durch sein Vorbild die Bildsprache anderer Medien beeinflusst", würdigt ihn der Gründer und Herausgeber der Tageszeitung in einer für Cremer angefertigten Sonderausgabe.

Nicht nur Bronner schätzt den heute 65-Jährigen. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen als auch von ihm Fotografierte streuen dem Fotografen in der "Standard"-Sonderausgabe Rosen. Der ehemalige Bundespräsident Heinz Fischer betrachtet ihn als Freund und jemanden, "der garantiert keine Meuchelfotos produzierte, sondern etwas Charakteristisches festhalten und eine Atmosphäre einfangen wollte".

Der amtierende Bundespräsident Alexander Van der Bellen bemerkte Cremer meist etwas abseits vom Geschehen, beobachtend und auf den Moment wartend, den nur er sehe. "Eine solche Vorgehensweise rückt den Journalismus ganz nahe an die Kunst heran", so Van der Bellen. Cremer selbst legt besonderen Wert darauf, "keine redundanten Sachen zu machen, immer zu versuchen, einen neuen oder noch nicht vorgefertigten Blick auf die Dinge zu werfen". "Es ist wichtig, sich bei alltäglichen Geschichten eine gewisse neugierige Aufgeregtheit zu bewahren", teilt er sein Erfolgsrezept. Dabei muss nicht jedes seiner Fotos scharf sein. "Schärfe ist ein bourgeoises Konzept", zitiert er gerne den französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, was von seinen Kolleginnen und Kollegen mitunter als originelle Ausrede aufgefasst wurde.

Die gegenwärtige Lage für die Branche stuft Cremer, der mit seinen wuscheligen Haaren und seiner Latzhose als Markenzeichen leicht bei Presseterminen zu erkennen war, als "besonders übel" ein. "Entscheidungspositionen in Medienhäusern sind meistens mit textaffinen Leuten besetzt. Wenn es finanziell eng wird, wird am meisten bei den Fotografierenden gespart", moniert er. Anlass zur Sorge gebe darüber hinaus, dass "immer ausgefeiltere Fotos aus den Ministerien und offiziellen Stellen daherkommen". Da bei eigenen Fotografen gespart werde, würden diese immer häufiger übernommen - auch von der APA - Austria Presse Agentur, nimmt er die Nachrichtenagentur in die Pflicht.

"Wenn es ungehindert so weiter geht, gerät die Branche ins Abrutschen. Pressefotografie ist eine eigenständige Kunst. Man muss sie wie eine Pflanze gießen und pflegen", sagt Cremer. Oberste journalistische Pflicht sei, Journalismusprodukte und nicht PR-Bilder anzubieten. Raten könne er derzeit niemanden, in die Pressefotografie einzusteigen. Falls doch, solle man "niemals gratis oder für ganz wenig Geld arbeiten", empfiehlt der leidenschaftliche Tänzer Neueinsteigern.

In seiner Pension will Cremer ein weiteres Buch veröffentlichen. 2013 erschien "Matthias Cremer 25 Jahre Fotografie für 'Der Standard'". Nun will er das Zeitfenster erweitern und einen "ordentlichen zweiten Blick" auf sein Archiv werfen. "Das ist ein langfristiges Projekt, auf das ich mich freue", so der Pressefotograf.

Zudem befindet er sich in Verhandlungen mit dem "Standard" rund um die Fortführung seines Photoblogs auf www.derstandard.at und möchte auch weiterhin zumindest ein bisschen aktuell fotografieren. Wenn ihm da nur nicht sein Garten im Burgenland einen Strich durch die Rechnung macht. "Ich habe zu viele Beete angelegt", schmunzelt er.

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