Ihr Datenbesitzer, erhebt euch gegen Facebook & Co.

Das Gold, das die Digitalkonzerne schürfen, basiert auf jenen Daten, die wir ihnen so bereitwillig liefern. Warum geben wir diese eigentlich noch immer gratis her?

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Standpunkt Hermann Fröschl

Sie kämen vermutlich nie im Leben auf die Idee, für Ihren Arbeitgeber gratis zu arbeiten. Sie haben aber überhaupt kein Problem damit, auf Facebook oder Google Ihre Daten kostenlos herzugeben. Sie meinen, das eine sei mit dem anderen nicht vergleichbar? Weil Ersteres Arbeit und Zweiteres Vergnügen sei?

Ein Perspektivenwechsel lohnt: Die wertvollsten Unternehmen des Kontinents sind heute de facto doppelt so viel wert wie ihre Vorgänger vor gerade einmal zehn Jahren, sie beschäftigen aber um ein Drittel weniger Mitarbeiter als die Giganten des Jahres 2007. Der Grund ist nicht, dass sie radikaler sparen. Es liegt eher daran, dass unter den Top 10 heute fast nur noch digitale Riesen zu finden sind, die schlicht weniger Mitarbeiter benötigen.

Facebook zum Beispiel schreibt jährlich 16 Milliarden Dollar Gewinn, braucht dafür aber nur knapp 25.000 Mitarbeiter weltweit. Experten haben errechnet: Facebook gibt nur ein Prozent seines Wertes für seine Angestellten aus. Bei Handelsgiganten wie Walmart sind es noch immer fast 40 Prozent.

Was uns das lehrt? Facebook oder Google schreiben derart abenteuerliche Gewinne, weil sie für das wichtigste Gold, das sie schürfen, keinen Cent bezahlen müssen: die Daten der Milliarden Nutzer. Die liefern ihnen nicht nur die Inhalte frei Haus, sie überlassen ihnen auch gratis all jene wertvollen Daten, die das Geschäftsmodell von Facebook & Co. in schwindelerregende Höhen treiben. Gegen gutes Geld können sie Kunden maßgeschneiderte Werbung anbieten, die den Einzelnen zielgerichtet umschmeichelt und betört. Eine Welle der Beeinflussung setzt ein und macht die Nutzer zu Opfern ihres Handelns. Für die Datengeschenke werden sie zum Dank also noch gesteuert, ja immer öfter manipuliert.

Wie kurzsichtig sind Unternehmen, die ihre teuren und wertvollen Inhalte den Digitalgiganten kostenlos zur Verfügung stellen? Wie naiv die vielen Blogger, die ihre Kreativität um Gotteslohn den Riesen zum Fraß hinwerfen? Trotzdem gibt es kaum eine öffentliche Debatte darüber. Wir lassen all das willenlos über uns ergehen, ja freuen uns sogar, dass für Suchmaschinen und Plattformen nichts zu bezahlen ist.

Ein Blick in die jüngere Vergangenheit könnte dem kollektiven Bewusstsein auf die Sprünge helfen. Zu Beginn der industriellen Revolution waren zwar auch viele Arbeiter am Werk, doch die Machtverhältnisse waren ungleich verteilt. Alle Macht lag bei den Unternehmern und Eigentümern, die die Arbeiter mit Hungerlöhnen abspeisten und Arbeit fast rund um die Uhr verlangten. Und der Einzelne war, weil auf sich allein gestellt, dem Treiben wehrlos ausgeliefert.

Den Nutzerinnen und Nutzern der modernen Plattformen, die so viel Unterhaltung verheißen, geht es heute nicht anders. Ein Einzelner gegen den gigantisch großen Konzern? Das gleicht der Ohnmacht der Arbeiter vor 200 Jahren.

Was also tun? Die Machtlosigkeit der Arbeiter änderte sich erst, als ihnen dämmerte, dass sie sich zusammenschließen könnten. Für ihre Rechte kämpfen müssten. Zeitgleich wurde ersten Unternehmern klar, dass die Arbeiter besser arbeiten würden, wenn man ihnen mehr bezahlte. Und sie dann auch Mittel zur Verfügung hätten, um mehr Produkte zu kaufen.

Zugegeben: Der Ruf, dass die Digitalgiganten für die Daten der Nutzerinnen und Nutzer zahlen müssten, klingt noch utopisch. Zahllose Hürden pflastern einen mühsamen Weg. Trotzdem gibt es erste Zeichen, die in diese Richtung weisen. In Holland hat sich eine erste Datengewerkschaft gegründet, deren deklariertes Ziel es ist, mit Facebook & Co. direkt zu verhandeln, um den Datenbesitzern einen fairen Anteil an den Gewinnen zu verschaffen. In den Kommandozentralen des Silicon Valley wächst derweilen der Frust darüber, dass die Flut an Gratisdaten immer mehr Kollateralschäden erzeugt. Stichwort: Fake News. Stichwort: Datenmüll. Stichwort: miese Inhalte.

Würden die Konzerne für Datenqualität zahlen, wären einige Probleme rasch aus der Welt geschafft. Trotzdem sollte man nicht auf Einsicht bei Facebook & Co. vertrauen. Klüger wäre es, das Bewusstsein zu schärfen, die Zusammenhänge zu verstehen - und sich zu formieren. Es ist an der Zeit, die Goldschürferei des 21. Jahrhunderts aus der wirtschaftlichen Steinzeit zu führen. Auf die Barrikaden, ihr Datenbesitzer!

Aufgerufen am 18.11.2018 um 07:20 auf https://www.sn.at/panorama/medien/ihr-datenbesitzer-erhebt-euch-gegen-facebook-co-39468241

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