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In den Fängen der Cosa Nostra

Rassismus im Wandel: Im dritten Teil der "Mafia"-Reihe gerät der amerikanische Süden der Sechzigerjahre ins Visier von skrupellosen Ganoven. Während sich Banden auf offener Straße bekriegen, spaltet der Ruf nach Bürgerrechten die Gesellschaft. Ein toller Ansatz, leider nicht konsequent genug verfolgt. "Mafia III" im Test.

Lincoln Clay ist der Inbegriff eines Anti-Helden: Ein bulliger Typ. Einer, den man nicht als Feind haben möchte. Ein Waisenjunge und Vietnamveteran, der Vergeltung will - Rache an jenen, die seine Familie und beinahe ihn selbst ermordet haben. Die Cosa Nostra. Zwischen den schwarzen Gangstern im amerikanischen Süden und der italienischen Mafia tobt in den Sechzigern ein erbitterter Bandenkrieg.

In dieser Zeit, in der Schwarze auf offener Straße bespuckt und beschimpft wurden, ist der dritte Teil der umstrittenen "Mafia"-Serie angesiedelt. 1968, um genau zu sein. Das Jahr haben die Macher nicht zufällig ausgewählt: Es war das Jahr der Tet-Offensive. Das Jahr, in dem Martin Luther King Jr. erschossen wurde und Nixon mit 43,4 Prozent der abgegebenen Stimmen die Präsidentschaftswahlen für sich entschied. Und es war das Jahr, in dem der Civil Rights Act aus 1964 erweitert wurde, um der Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Ein turbulentes Jahr.

Als Kulisse für das Mafia-Epos dient New Bordeaux, ein nachempfundenes New Orleans. Ein willkommenes, weil unverbrauchtes Setting - und ein Kaleidoskop für institutionellen Rassismus. Polizeistreifen fahren langsamer, wenn sie Schwarze sehen. Auf der Straße wird man von Weißen beschimpft. Ladenbesitzer rufen die Polizei, weil sie keine Farbigen als Kunden haben möchten. Es ist das Bild einer zutiefst verängstigten Nation - eine Gesellschaft im Wandel, die plötzlich Bürgerrechte respektieren soll. Diese beklemmende Stimmung ist stellenweise so gut gelungen, dass man als Spieler mitleidet.

Immer tiefer taucht Clay in die schmutzigen Gassen der Hafenstadt am Mississippi und in den Sumpf des Verbrechens ein. Eine (Unter)Welt mit korrupten Polizisten und skrupellosen Kriminellen und dem unverwechselbaren Sixties-Sound: Wenn man mit dem Mustang vorbei an Häuser im spanischen und französischen Kolonialstil brettert und "Proud Mary" von CCR aus den Boxen des Autoradios klingt, fühlt man sich in der Zeit zurückversetzt. In den Kneipen spielen Jazz- und Countrymusiker. Cruisen im Bayou wird so zum Hochgenuss. Da stört es auch nicht sonderlich, wenn manches historisch nicht richtig ist: "Proud Mary" etwa wurde erst 1969 veröffentlicht.

Wunderbar fängt das Spiel die emotional aufgeheizte Stimmung ein, etwa wenn die schwarzen Gangster eine Essensausgabe für Bedürftige veranstalten und der Spieler mit der Suppenkelle Gumbo in die Teller schöpft, um den Zusammenhalt in der Gemeinde zu stärken. Das sind die mit Abstand besten Momente im Spiel, das wie eine in Rückblenden erzählte Dokumentation mit Spielfilmelementen aufgebaut ist. Mit Aufnahmen aus Vietnam und Videoschnipsel aus Archiven oder der Asservatenkammer. Immer wieder gibt es Zwischensequenzen, in denen Ermittler, Gegner, Freunde und Bekannte zu Wort kommen und das Geschehene aufarbeiten - und dem Ganzen etwas Wahrhaftiges verleihen.

Dazwischen toben heftige Feuergefechte, es kommt zu Nahkämpfen und spannenden Verfolgungsjagden. Die Geschichte ist gut, auch die Atmosphäre ist toll, mit einer unglaublichen Liebe zum Detail. Gerade am Anfang erfährt man viel aus dem Leben der Darsteller: vergilbte Fotos, private Videoaufnahmen, verwackelt und körnig. Szenen aus der Vergangenheit. Dafür bleibt das Gameplay - ähnlich wie bei den Vorgängern - hinter den Erwartungen zurück: Via GPS wird Clay von einem Ort zum nächsten geleitet, um Außenposten zu infiltrieren, alle Gegner auszuschalten und das Geschäft der Mafia zu übernehmen. Je mehr Bezirke eingenommen wurden, desto größer die Macht, desto höher steigt man in der Hierarchie auf. Ein ziemlich vorhersehbarer Ablauf mit Aufgaben und Missionen, die sich wiederholen. Die anfangs noch packende Story gerät zunehmend in den Hintergrund und aus der linearen Erzählung wird ein unausgereiftes Open-World-Spiel mit zahlreichen Bugs, langen Ladezeiten, technischen Fehlern und nervigen Abstürzen. Schade, denn "Mafia III" hatte großes Potenzial.

Leider werden auch die Grafiken und Animationen zunehmend schlechter. Immer häufiger ärgert man sich über blasse Texturen und plötzlich aufpoppende Häuserkulissen, während der Plot immer mehr an Tiefe verliert. Ein bisschen wirkt es so, als hätte man mitten im Dreh den Regisseur gewechselt und Michael Bay in den Regiesessel von Francis Ford Coppola gesetzt. Im Ergebnis ist "Mafia III" zwar ein Angebot, dass man nur schwer ablehnen kann, um es mit den Worten Don Corleones zu sagen. Wirklich glücklich dürften aber nur hartgesottene Capos werden.

Abschließend noch ein Hinweis: Manche Szenen im Spiel sind sehr brutal, weshalb das Game erst ab 18 freigegeben ist.

Info
Mafia III
2K Games
PEGI: 18
PS4 (Test), Xbox One und PC

Quelle: SN

Aufgerufen am 18.11.2018 um 09:59 auf https://www.sn.at/panorama/medien/in-den-faengen-der-cosa-nostra-909148

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