Medien

Millionen der Regierung für den Zeitungsboulevard

Wenn die Regierung Geld für die Information der Bürger ausgibt, tut sie das vorzugsweise in Boulevardblättern - und in Ostösterreich. Daran regt sich jetzt Expertenkritik.

 SN/stock.adobe.com, montage: stauffer, daten: medienhaus wien

Am Montag, als der Terror Österreich erschütterte, überspannten oe24 und krone.at den Bogen. Aufgrund der reißerischen Berichterstattung der beiden Portale über den Anschlag, inklusive Veröffentlichung blutiger Bilder und Videos, entzogen ihnen führende Handelskonzerne bis auf Weiteres die Inseratenaufträge. In einem derartigen journalistischen Umfeld wolle man nicht werben, ließen die Handelsriesen wissen.

Von politischer Seite sind derlei Reaktionen nicht überliefert. Denn die Politik fühlt sich im boulevardesken Umfeld wohl. Dies belegt die Studie "Scheinbar transparent", die das Medienhaus Wien mit Unterstützung der Moser Holding/"Tiroler Tageszeitung", der "Salzburger Nachrichten", der "Oberösterreichischen Nachrichten" und von Russmedia/"Vorarlberger Nachrichten" durchgeführt hat.

Dieser Studie zufolge gingen 2018/2019 "gut zwei Drittel" der von Kanzleramt und Bundesministerien vergebenen Inseratengelder "an jene Titel, die wir als ,Boulevard' zusammenfassen", schreiben die Autoren der Studie. Und zwar waren das die "Krone" und die Gratisblätter "heute" und "Österreich".

Diese drei Boulevardblätter profitierten also überproportional von Inseraten und entgeltlichen Informationen der Regierung, während Qualitätsmedien, darunter die SN, nur marginal bedacht wurden. Zur Präzisierung muss angemerkt werden, dass die Mediaplanung der gegenwärtigen türkis-grünen Regierung in der Studie nicht abgebildet wird. Denn diese trat erst Anfang 2020 ihr Amt an.

Der Umstand, dass die besagten drei so großzügig mit Inseraten bedachten Blätter ihr Hauptverbreitungsgebiet in Ostösterreich haben, führte dazu, dass in puncto Regierungsinformation nicht jeder Österreicher gleich viel wert ist. 2019 investierte die Regierung in jeden Leser in Wien, Niederösterreich und im Burgenland 3,34 Euro zwecks medialer Information. Die Leser im Westen (Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg) waren der Regierung nur 2,38 Euro pro Kopf wert. Und die Leser im Süden (Kärnten, Steiermark) nur 1,95 Euro. "Eine angemessene regionale Verteilung der Regierungsinformation wäre ein Minimalerfordernis. Jeder Österreicher sollte dieselbe Chance haben, informiert zu werden", betonte Medienforscher Matthias Karmasin bei der Präsentation der Studie in einer Videokonferenz des Presseclub Concordia.

Was die Autoren weiters feststellten: Die Regierung vergab im Untersuchungszeitraum ihre Inseraten- und Informationsmittel ohne strategisches Konzept: "Die Inseratenstreuung durch die Ministerien erfolgt nach unklaren inhaltlichen Kriterien, die Werbepläne sind aber auch mit den Erhebungsdaten zur Mediennutzung der Österreicher/-innen oft überhaupt nicht in Einklang zu bringen", schreiben die Autoren. Die höheren Leserzahlen der Boulevardblätter sind jedenfalls keine Erklärung dafür, dass diese die meisten entgeltlichen Regierungsinformationen abdrucken durften: Ein einzelner "Österreich"-Leser war der Regierung im vergangenen Jahr 3,74 Euro wert, ein Leser der "Tiroler Tageszeitung" nur 1,33 Euro. Insgesamt stelle die ungleiche Inseratenvergabe der Bundesregierung eine "bedeutsame staatliche Beeinflussung des Wettbewerbs" dar, resümieren die Studienautoren, die auch Kritik an der mangelnden Transparenz jener "Transparenzdatenbank" übten, in der die Regierungsinserate äußerst unübersichtlich aufgelistet werden.

Quelle: SN

Aufgerufen am 04.12.2020 um 06:18 auf https://www.sn.at/panorama/medien/millionen-der-regierung-fuer-den-zeitungsboulevard-95222380

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