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Mit einer Brille gegen die Folgen von Schlaganfällen

Ein Projekt der Uni Salzburg will mit Virtual Reality (VR) das Sehvermögen verbessern. Und die VR-Brillen könnten auch bei Phobien helfen.

Die Therapiebrille im Einsatz. SN/uni salzburg/schuster
Die Therapiebrille im Einsatz.

Wenn Michael Leitner über seine Studie spricht, ist die Begeisterung beinahe greifbar. Seit fünf Jahren forscht der Salzburger Jungwissenschafter an einer sogenannten Restitutionstherapie für den visuellen Kortex. Was im Medizinsprech kompliziert klingt, könnte das Leben von Schlaganfallpatienten auf relativ simple Art nachhaltig verbessern: Eine häufige Folge eines Schlaganfalls sei der teilweise Verlust des Sehvermögens, schildert Leitner. "Stellen Sie sich vor, dass von Ihrem Sichtfeld rechts oder links ein Teil wegfällt, also einfach schwarz ist."

Diesen sogenannten Gesichtsfeldausfall soll die am Zentrum für Kognitive Neurowissenschaften der Uni Salzburg ausgearbeitete Therapie bekämpfen. In einem ersten Schritt hat das Team um Studienleiter Leitner und den Projektleiter Stefan Hawelka ein Eye-Tracking-System entwickelt. Mit der Methode kann die Augenbewegung und somit das in Mitleidenschaft gezogene Gesichtsfeld genauer vermessen werden. In einem weiteren Schritt wurde das System auf eine Virtual-Reality-Brille umgelegt. Normalerweise werden solche Brillen verwendet, um etwa Videospieler in eine virtuelle, besonders realistisch wirkende Welt eintauchen zu lassen. "Wir blenden hingegen Stimuli, also Lichtpunkte, ein", sagt Leitner. Der Patient folge den Punkten und drücke auf einen mitgelieferten Knopf, sobald er einen Punkt erkenne. "Dadurch weiß das System, ob der Stimulus gesehen wurde, und passt ihn beim nächsten Mal an." Die Patienten sollen den Ablauf sechs Tage pro Woche für jeweils zwei Mal eine halbe Stunde wiederholen. "Das Ganze ist vergleichbar mit Muskelaufbau im Fitnessstudio", ergänzt Leitner. "Durch die Stimuli werden Neuronen im Gehirn angeregt, die sich so neu vernetzen und im besten Fall wieder funktionieren."

Die Therapiebrille in der Einzelansicht samt Auslöserknopf. SN/uni salzburg/leitner
Die Therapiebrille in der Einzelansicht samt Auslöserknopf.

Ob und in welchem Ausmaß die vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Therapie erfolgreich sein könne, werde der nun geplante Feldversuch zeigen. Dafür suche das Team Probanden. Bereits jetzt arbeite man mit dem Reha-Zentrum in Großgmain zusammen. Darüber hinaus seien aber auch andere Interessenten mehr als willkommen. "Das Ganze ist eine kostenlose zusätzliche Therapiemöglichkeit, die hoffentlich für Betroffene einen messbaren Erfolg bringt." Wie groß dieser Erfolg sein kann, kann Leitner nicht seriös vorhersagen. Dass das Gesichtsfeld zu 100 Prozent wiederhergestellt werden könne, sei auszuschließen. Aber um die 15 Prozent seien nicht unrealistisch.

Der Virtual-Reality-Zugang bringe auch für die Patienten einen Vorteil: "Sie können die Therapie machen, wo sie wollen. Auf der Couch, auf dem Balkon, im Park." Angst, dass der Ansatz schädlich sein könnte, hat Leitner nicht. Kritiker orten bei Virtual Reality eine hohe Belastung für die Augen. Zudem könne durch die realistische Darstellung Übelkeit oder Kopfschmerz hervorgerufen werden. Bei der Therapie der Uni Salzburg sei die Belastung für die Augen allein schon zeitlich minimal. "Zudem haben wir die Funktion ausgeschaltet, dass sich die virtuelle Welt mitbewegt." Und durch das statische Bild könne keine Übelkeit aufkommen.

Virtual Reality könne indessen auch in anderen medizinischen Bereichen eingesetzt werden, führt Leitner aus. Es gebe etwa Ansätze, Menschen mit Angststörungen mithilfe der Brillen zu therapieren. "Jemand, der Angst vor Spinnen hat, kann zuerst virtuell in einen Raum mit Spinnen gesetzt werden. Quasi als Zwischenschritt, bevor man ihn mit echten Spinnen konfrontiert."

An der Studie um die Restitutionstherapie Interessierte können sich via gesichtsfeld@sbg.ac.at melden.

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