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ORF-Aktionsplan zu Barrierefreiheit stieß im Publikumsrat auf Skepsis

Ein am Donnerstag im ORF-Publikumsrat präsentierter Aktionsplan zum Ausbau des barrierefreien Programms ist auf Skepsis gestoßen.

 SN/APA/ROLAND SCHLAGER

Zu gering seien die geplanten Fortschritte und zu wenig habe man relevante Stakeholder eingebunden, befanden manche Gremienmitglieder. Der designierte ORF-Generaldirektor Roland Weißmann erklärte indes, eine Strategie für verstärkte ORF-Präsenz auf Drittplattformen in Auftrag gegeben zu haben. Das angekündigte Klimamagazin wird multimedial.

Der ORF muss sein Angebot bis 2030 barrierefrei gestalten. Wie es derzeit darum bestellt ist, hat Lisa Zuckerstätter, Leiterin Access Services im ORF, den Gremienmitgliedern präsentiert. Sie startete mit einem Rückblick: Von 2009 bis 2020 habe man die Quote bei untertitelten Sendungen von 24 Prozent auf 43 Prozent gehoben. Betrachtet man ausschließlich ORF 1 und 2, dann liege die Quote bei ca. 70 Prozent, so Zuckerstätter. In Hinblick auf die Audiodeskription stieg die Quote von 0,4 Prozent im Jahr 2009 auf 4,3 Prozent 2020. Mit Österreichischer Gebärdensprache versehenes Programm steigerte sich in diesem Zeitraum von 123 auf 596 Stunden. Einen Ausbau von Nachrichten in einfacher Sprache sowie barrierefreiem Angebot in der ORF-TVthek habe es auch gegeben.

Im Anschluss präsentierte sie die Eckpunkte des Vorhabens "ORF barrierefrei - Aktionsplan 2021 -2024". Darin ist vorgesehen, die Untertitel-Quote bis 2024 auf 49,6 Prozent zu steigern. Das audiodeskribierte Programm soll bis 2024 von täglich vier Stunden auf rund fünf Stunden ausgebaut werden. Eine Schwerpunktsetzung solle bei Österreichischer Gebärdensprache etwa für Kinder- oder Infosendungen in enger Abstimmung mit der Community erfolgen. Nachrichten in einfacher Sprache will das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen künftig täglich in Radio und TV senden, wobei eine Erweiterung um regionale Nachrichten in den Landesstudios angestrebt wird.

Um die Ziele zu erreichen, sollen die dafür eingesetzten Budgetmittel erhöht werden. Zudem ist derzeit eine Kooperation mit einem Start-Up im Gange, um ein Sprachmodell zu entwickeln, das Dialekte besser erkennen kann. Erste Testversuche zur vollautomatischen Live-Untertitelung von Pressekonferenzen seien vielversprechend verlaufen, schilderte Zuckerstätter. Auch wird der Einsatz von Gebärdensprach-Avataren etwa für Wetterberichte angedacht, was aber aufgrund von negativem Feedback aus der Community evaluiert werden dürfte. Der Publikumsrat wurde mit einem gesetzlichen Anhörungsrecht in Bezug auf die Fortschritte beim Ausbau der Barrierefreiheit ausgestattet.

Der ORF band Vertreterorganisationen für Menschen mit Behinderung wie etwa BIZEPS, den Gehörlosenbund oder den Blinden- und Sehbehindertenverband ein und will auch künftig engmaschig mit ihnen und weiteren Stakeholdern zusammenarbeiten. Die Verbände und Organisationen seien aber nicht sonderlich begeistert vom Aktionsplan gewesen, schilderte Walter Ablinger, der Menschen mit Behinderung im Publikumsrat vertritt. Das gesetzliche Anhörungsrechts für den Publikumsrat in dieser Angelegenheit sei zwar eine "super Sache". Aber wenn die Barrierefreiheit weiterhin in dieser Geschwindigkeit ausgebaut werde, "wird sich das bis 2030 unmöglich ausgehen", so Ablinger.

Er erinnerte daran, dass ca. 1,6 Mio. Menschen in Österreich im Alltag eingeschränkt seien - davon 630.000 Personen stark. "Wir Menschen mit Beeinträchtigung wollen keine Reduktion der Gebühren, aber eine Erhöhung der Serviceleistungen. Wir wollen das Programm wie alle anderen auch nutzen können", sagte er. Es gebe somit noch einiges zu tun, wenngleich er dem ORF keineswegs Untätigkeit unterstellen wollte. "Die im ORF damit beschäftigten Personen sind extrem bemüht."

Im Rahmen der Publikumsrat-Sitzung wurde auch ein Schwerpunkt auf das Thema Umweltberichterstattung gelegt. Mehrere Publikumsräte zeigten sich erfreut, dass im ORF-Programm 2022 ein Klimamagazin für den Hauptabend von ORF 1 eingeplant wurde. Eine klare Trennung der wissenschaftlichen Faktenlage und diversen Interessen und Meinungen wünschte sich Matthias Karmasin, der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in den Publikumsrat entsandt wurde. Peter Baminger, Redaktionsleiter des ORF-Magazins "konkret", stellte klar, dass das Magazin ein Angebot an das junge Publikum darstellen müsse. Alle bestehenden ORF-Magazin-Teams könnten mit Expertise zum neuen Klimamagazin beitragen, um eine möglichst starke Sendung auf die Beine zu stellen. Wichtig sei dies auch, um ORF 1 zu stärken, bevor der Sender "noch mehr Akzeptanz und Zuspruch verliert".

Das Klima- und Umweltschutzmagazin solle multimedial und damit neben Fernsehen auch für Radio und online aufgesetzt werden, erklärte der designierte ORF-Generaldirektor Roland Weißmann. Mit dem Magazin wolle man faktenbasierte Berichterstattung gegen Mythen und Fake-News bieten und Einseitigkeit und Parteilichkeit vermeiden. Bemühen wolle er sich, den einst mit dem zuständigen Bundesministerium und dem ORF gemeinsam verliehenen Klimaschutzpreis "zurückzuholen". Dieser zeichnete die besten Klimaschutzprojekte des Jahres aus.

Die Publikumsrat-Sitzung war die letzte in der Ära des amtierenden Generaldirektors Alexander Wrabetz. Dieser ließ sich jedoch aufgrund einer wichtigen Verpflichtung entschuldigen. Statt einer Verabschiedung kam es somit zu einer Art Antrittsrede des künftigen ORF-Chefs. Darin schilderte er, dass er sich mit seinem künftigen Team in den vergangenen Tagen zu einer Klausur getroffen habe, um ein Arbeitsprogramm für die kommenden Jahre auf die Beine zu stellen. In Auftrag habe er die Entwicklung einer Strategie für verstärkte ORF-Präsenz auf Drittplattformen gegeben. "Wir wollen dort nichts verschenken, aber sinnvoll vertreten sein", erklärte er. Denn vor allem junges Publikum sei dort bekanntlich vermehrt unterwegs.

Das Publikum wolle er künftig stärker in den Mittelpunkt stellen. Der Publikumsrat sei hierfür wichtig, so Weißmann, sieht er das Gremium doch als "Sounding-Board" und "Input-Geber". Er hoffe auf eine gute Kooperation mit dem Gremium.

Der Publikumsrat reagierte mit einer Liste an Empfehlungen, die in den vergangenen Jahren der Geschäftsführung vorgelegt wurden, jedoch "leider nicht oder nur teilweise umgesetzt" wurden. Die neue Geschäftsführung fordere man nun auf, bereits getätigte und noch kommende Empfehlungen stärker zu berücksichtigen. Baustellen sieht der Publikumsrat neben dem barrierefreien Zugang zu Inhalten bei Erklärformaten und Nachrichten für Kinder und Jugendliche. Eigenproduktionen im Unterhaltungsbereich sollten forciert und der Expertinnen- und Expertenpool mit Blick auf Pluralität und Meinungsvielfalt verbreitert werden. Eine seit Jahren geforderte Volksgruppen-Sendung zur Erfüllung des gesetzlichen Versorgungsauftrags für autochthone Volksgruppen solle umgesetzt werden, empfiehlt das Gremium. Im Bereich Bildung sieht der Publikumsrat ebenfalls Handlungsbedarf. Wichtige Zielsetzungen seien der Aufbau kritischer Mediennutzungskompetenz, die Förderung des Interesses für Natur- und Geisteswissenschaften und die Stärkung des Demokratieverständnisses.

Aufgerufen am 06.12.2021 um 11:04 auf https://www.sn.at/panorama/medien/orf-aktionsplan-zu-barrierefreiheit-stiess-im-publikumsrat-auf-skepsis-113063437

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