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ORF-Wahl: Grasl plant Informationsoffensive und neue TV-Formate

Der jetzige ORF-Finanzdirektor Richard Grasl möchte im Falle seiner Bestellung zum ORF-Generaldirektor die Fernseh-Information massiv ausbauen. Aber Grasl hat noch mehr Pläne.

ORF-Wahl: Grasl plant Informationsoffensive und neue TV-Formate SN/ORF
Richard Grasl will mit einem 170-Seiten-Konzept ORF-Chef werden.

Grasl will die "Zeit im Bild" um 19.30 Uhr um fünf Minuten verlängern, rund um die "ZiB 2" ein fünfminütiges Regionalnachrichtenformat etablieren, neue Magazin- und Talk-Formate starten und einen digitalen 24-Stunden-ZiB-Kanal einrichten. "Ich plane eine Informationsoffensive. Insbesondere für ORFeins, aber auch für ORF 2", sagte Grasl am Freitag nach Ablauf der Bewerbungsfrist für den Posten des ORF-Chefs bei einem Hintergrundgespräch vor Journalisten. Die "Zeit im Bild" sei angesichts der derzeitigen Nachrichtenlage und der notwendigen vertieften Berichterstattung zu kurz, so Grasl. Die Hauptnachrichtensendung soll deshalb um fünf Minuten verlängert werden und die aktuelle Sportsendung im Gegenzug von ORF 2 auf ORFeins wandern. Für ORFeins plant der Finanzdirektor ein neues Talk-Format nach dem Vorbild der ARD-Diskussionssendung "hart aber fair" mit Frank Plasberg. Arbeitstitel: "Club 2.0". Ebenfalls im Konzept: ein 45-minütiges monothematisches Magazin zum wichtigsten Thema der Woche.

Kommt der 24-Stunden-ZiB-Kanal?

Digital will Grasl einen 24-Stunden-ZiB-Kanal, auf dem in einer 15-minütigen Schleife die jeweils aktuellsten Nachrichtenbeiträge laufen. "Das könnte ein Vorläufer für einen eigenen Informationskanal sein", so Grasl. Sein Konzept sieht darüber hinaus drei neue Korrespondentenbüros in den USA, Südamerika und Afrika vor. Das Frühstücksfernsehen "Guten Morgen Österreich" (GMÖ) will Grasl "zurück ins Studio holen". Die vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass es einfacher sei, rasch auf aktuelle Ereignisse zu reagieren, wenn sich das Studio in der ORF-Zentrale befindet. Regionale Elemente sollen stattdessen durch Live-Schaltungen in die jeweilige Region integriert werden. Das mobile GMÖ-Studio könnte für die ORF-Vorabend-Sendungen zum Einsatz kommen.

Auch ein neues großes Show-Event wie "Dancing Stars" soll unter Grasl entwickelt werden. ORFeins soll eine weitere fixe Comedy-Leiste nach dem Vorbild der ZDF-"heute show" bekommen. Daneben plant Grasl eine Talente- und Crowdfunding-Show. Insgesamt hat der Finanzdirektor in seinem Bewerbungskonzept 45 neue Programmvorschläge aufgelistet, darunter auch ein seit längerem im Gespräch befindliches Medienmagazin. "Das wird keine größte Programmreform aller Zeiten, sondern Step by Step."

Programmaustausch zwischen ORFeins und ORF 2?

Zentraler Punkt in Grasls Programmplänen: "Ich möchte die scharfe Trennung zwischen ORF 2 und ORFeins aufweichen." Derzeit laufe viel qualitatives Programm auf ORF 2 erst in der Nacht. Teile davon könnte man in Zonen mit niedrigen Quoten auch auf ORFeins senden und so die Seherzahlen steigern. Auch über eine "Neuorientierung unserer Radioflotte" will Grasl nachdenken. Ö3 gerate im Spagat zwischen den 14- und 49-Jährigen zunehmend von beiden Seiten unter Druck. Es brauche deshalb eine Neuabstimmung zwischen den ORF-Radios und einen "qualitativ hochwertigen Sender für junge Menschen mit junger Musik aus Österreich".

Finanzieren will der Kaufmännische Direktor seine Programmvorhaben durch Einsparungen in den Produktionsmethoden, Budgetumschichtungen und Synergien. So sollen etwa verschiedene Verwaltungseinheiten zusammengelegt werden. Organisatorisch plant Grasl mit Direktionen für TV-Programm, TV-Information, Radio und Digital. Darunter soll es für jeden ORF-Sender eigene Channel-Manager und Chefredakteure bzw. Info-Verantwortliche geben. "Das ist die größtmögliche Form von Pluralismus", meinte Grasl.

Auf Kaufmännische und Technische Direktion will der Finanzdirektor im Falle seiner Wahl verzichten. Die kaufmännischen Agenden sollen zum Teil in die Generaldirektion wandern, die eine reine Verwaltungsdirektion ohne Programmzuständigkeiten sein soll. ORF III und "Guten Morgen Österreich" würden demnach in die TV-Programm-Direktion wandern. Auch ein kleiner Teil der Technik käme bei Grasl in die Generaldirektion. Die operative Technik würde er in den jeweiligen Programmdirektionen ansiedeln. "Das geht auf Gerhard Zeiler zurück. Zeiler hat die Umgliederung der Technischen Direktion hinein in die Programmdirektionen schon in den 1990er-Jahren umgesetzt. Sein Nachfolger hat das wieder rückgängig gemacht."

Zechner und Prantner sollen bleiben

Auch punkto Direktoriumsbesetzung hat Grasl schon einige Vorstellungen. "Ich habe für jede Funktion zwei bis drei Leute im Kopf. Wobei Kathi Zechner meine Favoritin im Programmbereich ist. Und ich glaube, dass Tommy Prantner die Digitalagenden und die TVthek sehr gut geführt hat. Ich werde mit ihm sicher ein Gespräch führen, wie man den Digital-Bereich weiterentwickeln kann." Zur Digital-Direktion sollen laut Grasl die Online-Agenden, Start-ups und das Plattform-Management gehören. Auch eine Reintegration der ORF On-Tochtergesellschaft in den ORF sei denkbar.

Seinem 170-seitigen Bewerbungskonzept hat Grasl auch eine "Geschäftsordnung" für die künftige Rollenverteilung in der ORF-Geschäftsführung beigefügt. Der Finanzdirektor möchte von der gesetzlich verankerten Alleingeschäftsführung des Generaldirektors Abstand nehmen. "Ich bin für Transparenz und ein Board- und Vorstandsprinzip. Es soll keine Alleinentscheidungen mehr geben. Die fünf Direktoren entscheiden gemeinsam, im Minimum mit Vier-Augen-Prinzip. Die Mehrheit entscheidet. Wenn es zwei Gegenstimmen gibt, wird das dem Stiftungsrat berichtet. Und ich würde kein Weisungsrecht gegenüber den Programmdirektionen ausüben. Sollte es doch eine geben, würde das im Stiftungsrat transparent gemacht werden."

Grasls Konzept, das in drei Haupt- und neun Unterkapitel gegliedert ist, ist das Motto "Great things never com from comfort zones" vorangestellt. Dies gelte einerseits für das Unternehmen, andererseits auch für ihn selbst, so Grasl. "Wir haben in den nächsten fünf Jahren schwierige Zeiten mit Reformen im strukturellen und programmlichen Bereich vor uns. Und mir ist das Unternehmen so wichtig, dass ich beschlossen habe, meine eigene Komfortzone zu verlassen und mich als Generaldirektor zu bewerben. Ich gehe damit auch ein persönliches Risiko ein."

Quelle: APA

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