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"Rosenheim Cops": Ein Mord und viel heile Welt in nur 43 Minuten

Zur 500. Folge der "Rosenheim Cops": Warum fasziniert ein Krimi ohne Schüsse und Spannung ein Millionenpublikum?

Polizeihauptmeister Mohr (Max Müller, l.) und Marianne Grasegger (Ursula Maria Burkhart, r.) wundern sich über die „500“, die Hausmeister Hannes Winkler (Steffen Wolf) aufgestellt hat. SN/zdf
Polizeihauptmeister Mohr (Max Müller, l.) und Marianne Grasegger (Ursula Maria Burkhart, r.) wundern sich über die „500“, die Hausmeister Hannes Winkler (Steffen Wolf) aufgestellt hat.

Sobald die Nummer "Pfeif drauf" der bayerischen Band Haindling ertönt, ist dies wie die Fanfare zum Eintritt in eine andere Welt. Eine Welt, in der zwar immer wieder Morde passieren - der Spruch "Es gabat a Leich'!" von Polizeisekretärin Miriam Stockl (Marisa Burger) ist zum Kult geworden -, die aber dennoch massiv von Geruhsamkeit, Gemütlichkeit, launigen Pflanzereien und anderen Alltagssequenzen, in denen es gehörig menscheln darf, dominiert wird. Die Folgen der Fernsehkrimireihe "Die Rosenheim Cops" ermöglichen eine Auszeit aus der nicht erst durch die Pandemie belastungsreich gewordenen Realität. Hinsetzen (oder hinlegen) und heile Welt genießen: Dass Kritik und Feuilleton nörgeln, ist den Fans der Serie egal - "blunzn" würde Kommissar Anton Stadler (Dieter Fischer) wohl sagen. Am Dienstag (ZDF, 19.30 Uhr) lösen die "unnachahmlich kuriosen Kommissare" (Pressetext) ihren 500. Fall: "Ein überraschendes Wiedersehen".

Die Cops, die mit Ausnahme des Polizisten Michi Mohr (Max Müller) keine Waffen tragen, begeistern Millionen. Was in Deutschland am Vorabend ausgestrahlt wird und mit einem Marktanteil von 16 Prozent (rund 5 Millionen Zuschauer) aufwarten kann, garantiert hierzulande sogar in der ORF-Primetime Rekordquoten. 1,29 Millionen schauten am 2. April 2020 etwa die Bavaria-Produktion an - damit lag man bereits in Quotendimensionen eines attraktiven Fußball-WM-Spiels. Der Marktanteilsrekord war im Februar 2020 aufgestellt worden: unglaubliche 37 Prozent. 2021 sahen im Schnitt 904.000 Menschen die "Rosenheim-Cops" im Hauptabend.

Produzent Alexander Ollig spricht von einem "Ensembleerfolg", von "Wohlfühlfernsehen", das dem Publikum "gute Unterhaltung", "intelligenten Humor" und "liebenswerte Krimispannung zum Mitraten" serviere. Und das alles in geschönter Kulisse, in Rosenheim und Umgebung scheint immer die Sonne, was Urlaubsstimmung suggeriert. Ollig, der auch mit Serien wie "Weißblaue Geschichten", "Rosa Roth" oder "Schloßhotel Orth" Erfolge feiern durfte, setzt auf Kontinuität und Berechenbarkeit: Wer die Cops aufdreht, weiß, was er bekommt. Eine Leich', Kaffeetratsch, ein bisschen Techtelmechtel, allerlei Neckerei und ein Happy End. Kurzum: 43 Minuten lang Pause von den Krisen dieser Welt.

Vermutlich ist Entschleunigung das Erfolgsrezept der Serie, die dem bayerischen Idiom huldigt - das Verb "verzähln" ist etwa ein Dauerbrenner. Die Krimihandlung scheint ein Störfall für die immerwährende Lust an der Brotzeit zu sein. "Dann mach' ma Feierabend, weil irgendwann ist auch amal guat", sagt Kommissar Stadler auch in der Jubiläumsfolge. Merke: Die Arbeit ist nicht das Wichtigste im Leben. Dass Botschaften wie diese in Zeiten einer neoliberalen Tretmühle gut ankommen, verwundert ebenso wenig wie der Umstand, dass in den idealisierten weiß-blauen Krimimärchen überkommene Geschlechterbilder immer noch gehegt und gepflegt werden, Diversität ein Fremdwort ist. Nein, vom Zeitgeist ist die Rosenheimer Polizeistation bislang fast vollständig verschont geblieben.

"Die Rosenheim Cops" sind eine beschauliche Antithese zu TV-Krimiformaten wie "Die Brücke" oder "Tatort". Kein Zuschauer wird verstört, verängstigt oder irritiert. Es sind keine Schüsse zu hören, keine Gruselstimmung beim Abstieg in ein mutmaßliches Kellerverlies. Die Ausführung des Verbrechens wird nie gezeigt, die ins Bild gerückten Toten erzeugen keine Gänsehaut. Was 2002 mit Kriminalhauptkommissar Korbinian Hofer (der mittlerweile verstorbene Joseph Hannesschläger) und Ulrich Satori (Markus Böker) begann, ist auch heute noch jugendfrei, familientauglich und ohne große Anstrengung zu konsumieren. Wer den Cops zusieht, kann daneben problemlos Hausarbeit verrichten, die Zeitung durchblättern oder mit dem Hund spielen: Verständnisprobleme in der (meist absehbaren) Handlung werden sich keine ergeben.

Die Erfolgsserie ist längst Thema für wissenschaftliche Erörterungen. Eine deutsche Bachelorarbeit etwa trägt den Titel "Zwischen Klischee und Wirklichkeit - Das Bayernbild in Unterhaltungsformaten öffentlich-rechtlicher Fernsehsender in Deutschland". Gaststars sind Teil des Erfolgsrezepts, die Liste ist lang und umfasst Personen wie Andreas Gabalier, Kurt Weinzierl, Doris Schretzmayr, Sophie Rois, Karlheinz Hackl oder Franz Xaver Kroetz.

In der Jubiläumsfolge wird ein Mann erstochen auf einem Alpakahof gefunden. Die Kommissare Stadler und Birte Andresen (Sophie Melbinger) ermitteln, verdächtig ist unter anderen die Ehefrau des Opfers. Aber es gibt auch in der Firma des Mannes Ungereimtheiten. Ist hier das Tatmotiv zu finden? So weit, so kreuzbrav und fintenarm die Story, die mit einem Gag aufwartet. In das Polizeifoyer werden drei monumentale Ziffern, eine Fünf und zwei Nullen - allesamt blau-weiß lackiert -, getragen. Worauf augenzwinkernd über eine mögliche 5000. Sendung geplaudert wird. Zitat Michi Mohr (Max Müller): "Na ja, mit a bissl Glück ..."

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