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Schreckliche Ikone der Fotografie: 50 Jahre "Napalm-Mädchen"

Es ist eine der denkwürdigsten Aufnahmen des 20. Jahrhunderts: Nick Út drückt auf den Auslöser, als ein vietnamesisches Dorf mit Napalm angegriffen wird. Warum bewegt das Foto der Neunjährigen bis heute?

Der Fotografie-Klassiker „The Terror of War“. SN/AP
Der Fotografie-Klassiker „The Terror of War“.

Nackt und schreiend läuft ein junges Mädchen frontal auf den Fotografen zu. Der drückt den Auslöser - und hält in einem winzigen Moment den großen Schrecken des Vietnamkriegs auf Film fest. "The Terror of War" - so der Titel der Aufnahme - ist noch fünf Jahrzehnte später eine der bedeutendsten und authentischsten Darstellungen von Gewalt und Gräueltaten, denen die Zivilbevölkerung in einem Krieg ausgesetzt ist. Die neunjährige Phan Thị Kim Phúc hat sich als Symbol ins weltweite Gedächtnis eingebrannt.

"Was ist fragiler als ein kleines, nacktes neunjähriges Mädchen mitten in einem völlig absurden Kontext - nämlich auf offener Straße umgeben von Militärpersonal?", erklärt der Experte für Fotografiegeschichte, Michael Ebert, die Sogwirkung der Aufnahme. "Wenn Kinder zu Opfern werden, berührt uns das immer ganz, ganz stark."

Die Qualen des Mädchens in der Mitte der Szenerie sind das zentrale Element in der Bildkomposition. Ihr Cousin im Vordergrund, auch die anderen Kinder gehören zur Familie. Im Hintergrund: Soldaten und dicke Rauchschwaden. Die ausgebreiteten Arme lassen christliche Betrachter wohl an Jesu Tod am Kreuz denken. Ein weiterer Faktor, der dieses Bild in seiner ikonischen Wirkung so berührend mache, sei das Happy End, so Ebert, der an der Hochschule Magdeburg-Stendal unterrichtet. Denn Kim Phúc überlebt. Aber der Reihe nach: Als am 8. Juni 1972 die südvietnamesische Armee fälschlicherweise das Dorf Trảng Bàng etwa 40 Kilometer nordwestlich des damaligen Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) beschießt, ist der Abzug der mit ihr verbündeten US-Truppen aus dem Land bereits in vollem Gange.

Vor Ort ist Fotograf Nick Út. Der 21-jährige Vietnamese arbeitet damals bereits seit sechs Jahren für die US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Kurz vor der geplanten Rückkehr nach Saigon "sah ich, wie ein Flugzeug vier Napalmbomben abwarf", schreibt er Jahrzehnte später im US-Magazin "Newsweek".

Menschen, die teils tote Kinder in ihren Armen halten, rennen auf ihn zu. Darunter auch Kim Phúc. "Ich fragte mich, warum sie keine Kleidung trug", erinnert sich Út. "Aber als ich näher an sie heranlief und Fotos machte, konnte ich sehen, wie schwer verbrannt sie war." Es dauerte maximal 15 Sekunden, bis der Fotograf und seine Kollegen anderer Medien den Kindern halfen. Út selbst bringt das Mädchen und weitere Verwundete in ein Krankenhaus.

In der "perfekten Millisekunde" abgedrückt

"Er hat ihr das Leben gerettet mit dieser Aktion", sagt Ebert, der sich seit Jahren intensiv mit dem Foto und dessen Protagonisten auseinandersetzt. Anlässlich des 50. Jahrestags kuratiert er eine Ausstellung in Hilden bei Düsseldorf. "Ich habe alle Aufnahmen ausgewertet, die an dem Tag gemacht worden sind", sagt der Wissenschafter der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Mehrere Fotografen seien in Trảng Bàng gewesen. "Nur Nick hat das Bild der Bilder gemacht." Es sei die perfekte Millisekunde gewesen, in der der junge, aber erfahrene Reporter mit seiner Leica M2 abgedrückt habe.

Eigentlich zeigt Úts Aufnahme einen größeren Ausschnitt der Szene: Am rechten Bildrand sind noch weitere Soldaten und ein Fotograf zu sehen. Das ursprüngliche Kleinbildformat des Fotos mit der Nummer 7A wird aber bereits im AP-Büro in Saigon passend für das Zeitungsformat beschnitten: Kim Phúc rückt dabei in die Mitte - und gibt der Aufnahme die bis heute gelobte Energie.

Nach Úts Ankunft aus dem Krankenhaus in der Redaktion wird das Foto an die Zentrale nach New York gefunkt. Trotz Verstoßes gegen die Regel, eigentlich keine vollständig nackten Personen zu zeigen, geht die Aufnahme in den weltweiten AP-Dienst. Abendzeitungen drucken das Bild, am darauffolgenden Tag ist es auf der Titelseite der "New York Times". Es wird später als "Pressefoto des Jahres" ausgezeichnet, zudem erhält Út den renommierten Pulitzer-Preis. Anfang 2021 verleiht ihm US-Präsident Donald Trump die National Medal of Arts.

Kim Phúc erleidet damals auf der Hälfte ihres Körpers Verbrennungen dritten Grades. 14 Monate muss sie im Krankenhaus bleiben. Heute arbeitet die 59-Jährige als Friedensbotschafterin unter anderem für die Vereinten Nationen. Seit Anfang der 1990er-Jahre lebt sie in Kanada.

"Dieses Bild erinnert mich immer wieder daran, dass ich meine Kindheit verloren habe", sagte sie kürzlich während einer Audienz bei Papst Franziskus, zu der sie und ihr guter Freund Út in den Vatikan gereist waren. "Ich bin nicht länger ein Opfer des Kriegs. Ich bin eine Mutter, eine Großmutter und eine Überlebende, die zum Frieden aufruft."

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