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UdSSR-Zeitung "Prawda": Die Wahrheit der Mächtigen

Sie war die auflagenstärkste Zeitung der Welt, mit bis zu 14 Millionen Exemplaren. Erstmals erschien die "Prawda" 1912 in St. Petersburg, am Geburtstag von Karl Marx.

UdSSR-Zeitung "Prawda": Die Wahrheit der Mächtigen SN/PHOTOS.COM
Lenin bei der Lektüre der „Prawda“. Er war der geistige Vater der Zeitung und schickte bereits aus dem Exil in Paris seine Artikel mit dem Nachtzug nach St. Petersburg.  

Zur Zarenzeit als Blatt für russische Arbeiter gegründet, wurde sie in der Sowjetunion zum Zentralorgan der Kommunistischen Partei. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR begann ihr Niedergang, 1996 wurde das Blatt eingestellt. Einige Ableger überdauerten bis heute.

Prawda" heißt auf Deutsch "Wahrheit", und die hatten die Gründer eigentlich im Sinn, als sich fünf Männer heimlich zu ihrer ersten Redaktionssitzung in einer kleinen Wohnung trafen. Unter ihnen Josef Stalin und der später als Polizeispitzel enttarnte Roman Malinowski. Zunächst wollten sie lediglich ihre Forderungen unters Volk bringen: Brot für die Arbeiter, Land für die Bauern, Frieden für die Soldaten. Gleichzeitig gab es aber auch versteckte Streikaufrufe und Hinweise für Konspirateure. Geistiger Vater des Sprachrohrs der Partei der Bolschewiki war Wladimir Iljitsch

Uljanow, genannt Lenin. Aus dem Pariser Exil und danach aus Krakau schickte er seine Artikel mit dem Nachtzug nach St. Petersburg. Herausgeber wurde der spätere Außenminister Wjatscheslaw Molotow.

Laut Lenin entwickelte sich die Zeitung, die am 5. Mai 1912 (julianischer Kalender, 18. Mai nach gregorianischem Kalender) erstmals erschienen war, rasch zum "kollektiven Organisator" der Untergrundpartei. Im Kopf führte sie die Parole: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Sie sollte eine Tageszeitung für russische Arbeiter und vor allem von russischen Arbeitern sein, die aktiv mitarbeiteten und Beiträge verfassten. Das Geld für das neue Blatt mit einer Auflage von 40.000 Stück und zum Preis von zwei Kopeken kam von der Parteizelle in St. Petersburg. Es wurde "zweckentfremdet", denn ursprünglich sollte dafür ein Arbeiter-Erholungsheim eingerichtet werden.

Damit die Blattmacher möglichen Verhaftungen wegen der illegalen Verbreitung der Zeitung entgehen konnten, fungierten offiziell nacheinander rund drei Dutzend Personen als Pseudoherausgeber. Die Höchststrafe dafür betrug drei Monate oder 3000 Rubel, und während die Strohmänner ihre Strafe absaßen, konnten die übrigen Genossen weiterhin Artikel schreiben. Trotzdem wurde Stalin noch am Erscheinungstag verhaftet, und von den bis zum Verbot am 3. Juli 1913 erschienenen 356 "Prawda"-Nummern wurden 49 konfisziert. Um die Zensoren in die Irre zu führen, wurde der Name regelmäßig geändert, sie kam beispielsweise als "Arbeiterwahrheit", "Weg der Wahrheit" oder "Wahrheit des Nordens" heraus.

Nur drei Tage nach der Februarrevolution 1917 erschien die "Prawda" wieder, und nach der Rückkehr Lenins konnte die Auflage auf täglich 300.000 gesteigert werden. Finanziert wurde das Ganze vom Deutschen Reich, um die schmale Basis der bolschewistischen Partei zu verbreitern und sie an die Macht zu bringen. Nach der Oktoberrevolution zog die Redaktion von St. Petersburg nach Moskau und die "Prawda" wurde zum offiziellen Zentralorgan der KPdSU, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Daneben existierte die "Iswestija" ("Nachrichten") als Mitteilungsblatt der Regierung.

Anders als alle anderen Zeitungen Russlands hatte die "Prawda" das Recht, die Entscheidungen des Obersten Sowjet zu kommentieren. Sie verfügte über ein weitverzweigtes Korrespondentennetz, kritische Berichterstattung fand jedoch nicht statt. Lokale Reporter wurden bei unliebsamen Berichten bestraft, oder die Auflage wurde in bestimmten Gegenden des Riesenreichs einfach eingestampft. Nikolai Bucharin, bis 1930 Chefredakteur, wurde 1938 sogar hingerichtet. Das Zentralkomitee lieferte wichtige Texte und überprüfte jeden Abend die ersten Abzüge. Nach intensiver Lektüre erhielten die Manuskripte den Stempel "Zum Druck freigegeben".

Als Instrument der staatlichen Kontrolle diente die "Prawda" den Kreml-Oberen zur Manifestation ihrer bleiernen Autorität, und sie vertrat stets vehement die Meinung der Machthaber. Zunächst Stalins unerbittliches Vorgehen in den Gulags, dann Nikita Chruschtschows Politik im Kalten Krieg und dessen Angriffe auf seinen Vorgänger, schließlich Gorbatschows Kurs von Glasnost und Perestroika.

Im Dienste der Partei hatte die Prawda jahrzehntelang gehetzt, manipuliert und gelogen. "Wenn die ,Prawda‘ früher schrieb, weiß ist schwarz und schwarz ist weiß, dann war das wahr", erinnert sich Wladimir Gubarew, bis 1991 Chefredakteur. Auf Seite 1 strotzten Erfolgsmeldungen aus der eigenen Volkswirtschaft, Kriminalität und Unglücke fanden nur beim Klassenfeind statt. Kenner mussten zwischen den Zeilen lesen und schauten gern zuerst auf die Chronik, unten links oder rechts auf der letzten Seite. Hier erfuhren sie unter anderem von der Ablösung von Marschall Georgi Schukow oder von der Emigration der Stalin-Tochter Swetlana.

Die sowjetische Presse sah sich nicht als Informationsquelle, sondern als Mittler für Propaganda und Agitation. "Erst in den späten 1980ern und Anfang der 90er-Jahre setzte sich das Recht auf freie Meinungsäußerung durch", sagt Pavel Gusev, Chefredakteur der in Moskau erscheinenden "Moskovskij Komsomolets". Das ehemalige Flaggschiff des Kommunismus hatte keine Anzeigen im Blatt - bis auf ein kurzes Intermezzo in den 1920er-Jahren.

Mit dem Ende der UdSSR und der Unterstützung durch die Kommunistische Partei geriet die "Prawda" 1991 in große finanzielle Schwierigkeiten. Der griechisch-zypriotische Verleger Theodoros Jannikos übernahm die Zeitung, Als 1996 die Prawda nur noch weniger als 200.000 Abonnenten hatte, warf auch er nach Millionenverlusten das Handtuch. Er scheiterte im Kampf mit den alten Strukturen. "Es gibt keine Disziplin in der Zeitung", schimpfte er, "die Redakteure und Reporter sind zu faul und trinken zu viel. Sie schreiben nur alle vier Monate einen Artikel."

In der Nachfolge erschienen neue "Prawdas", die einstige Ikone der Sowjetunion wurde in drei Teile zersplittert. Als erfolgreichster Ableger entpuppte sich das Boulevardblatt "Prawda-5". Am 10. Februar 2006 zerstörte ein Feuer das Moskauer Verlagshaus und alle Archive sowie die historischen Ausgaben der Zeitung. Das ausgebrannte Gebäude wurde abgerissen.

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