Panorama

Mit den Augen eines Kindes

Rudolf Dutter war acht Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging. Er erinnert sich an eine Odyssee von Niederösterreich in den Pinzgau und Begegnungen mit den Besatzern.



Zwölfaxing, Wien, Aigen im Ennstal, Seeboden und Harham im Pinzgau: Diese Stationen passierten Rudolf Dutter und seine Mutter im Jahr 1945. "Ich habe noch sehr prägnante Erinnerungen an diese Zeit", sagt er. Seine Eltern wurden geschieden, als er drei Jahre alt war, Dutter lebte bei einer Tante.

Seine Mutter arbeitete in den Wiener Neustädter Flugzeugwerken, die aber zerbombt und nach Zwölfaxing verlegt wurden. Zu Ostern 1945 durfte Dutter seine Mutter besuchen, sie musste aber auch an den Feiertagen arbeiten. "Am Ostersonntag hieß es: ,Die Russen sind schon in Budapest, wir müssen weg.‘" Die Menschen packten ihr Hab und Gut zusammen. "Wir sind auf einem offenen Traktoranhänger gesessen, mit unserem Gepäck. Wir sind über Wien gefahren, weil einige dort noch etwas holen mussten." Dann ging es durch die Wachau und Dutter erinnert sich an einen Tieffliegerangriff: "Meine Mutter hat mich mit einer Hand vom Wagen gerissen und mit der anderen in einen Weinkeller gestoßen." Die Reise ging weiter über Aigen im Ennstal, wo sie ein paar Tage lang in einer Scheune schliefen. Der nächste Stopp war in Seeboden am Millstättersee. "Da waren wir in einem Barackenlager untergebracht, wo vorher Gefangene drin waren. Es hat dort wahnsinnig viele Wanzen gegeben." Schließlich ging es mit dem Zug nach Fieberbrunn. Dort waren ein Zug und ein Laster zusammengestoßen. In den Waggons befanden sich Versorgungsgüter der Wehrmacht. Die Menschen plünderten die Waggons. "Meine Mama kam zurück mit ein paar Packungen Trockengemüse - mehr hat sie nicht erwischt."

Schließlich endete die "Flucht" in Harham im Pinzgau - zwischen Saalfelden und Maishofen. Dutter und seine Mutter kamen in einem Barackenlager der Wildbachverbauung unter. "Wir haben auf Fichtenzweigen geschlafen." Der damals Achtjährige erlebte die Zeit als "paradiesisch. Wir hatten ja keine Schule und haben viel gesehen." Im Pinzgau verbrachte er jeden Tag in der Natur. Oft war er auch auf den Almen unterwegs. Dort aß er zum ersten Mal "Schwarzbeernocken".

"Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich älter gewesen wäre, dann hätte ich die Geschehnisse einordnen und beurteilen können. Heute sind es Erinnerungen, wie es ein Kind sieht - es war ein ungezwungenes, freies Leben." Die Eltern hatten andere Sorgen als die Kindererziehung. Sie mussten sich um das Essen kümmern. "Meine Mutter ist oft lange zu Fuß gegangen. Dann kam sie zurück, in den Einkaufstaschen waren zwei, drei Eier, ein paar Kartoffel und Äpfel. Meine Mutter war ein Wunder: Sie konnte aus nichts auch noch etwas machen."

Im Herbst kehrten Mutter und Sohn nach Niederösterreich zurück. Aber: In die Wohnung der Mutter waren andere Leute eingezogen. "Sie haben gesagt: ,Wir haben gedacht, ihr seid im Krieg umgekommen.‘" Dutters Mutter bekam von der Gemeinde eine neue Wohnung zugewiesen.

Die russischen Besatzer hat Dutter in guter Erinnerung: "Es hat immer geheißen, dass alles, was verschwunden ist, von den Russen gestohlen worden wäre. Aber diese Leute waren wahnsinnig nett - überhaupt zu Kindern." Hin und wieder hatten die Russen auch Kommissbrot für sie: "Das war ein schweres, schwarzes, teigiges und feuchtes Brot. Wenn wir zwei Stücke bekommen haben, waren wir happy. Wir konnten eines mit nach Hause nehmen." Auf Amerikaner traf er im Pinzgau. Ein Soldat schenkte Dutter damals etwas Besonderes. "Heute weiß ich, dass es Kaugummi war. Aber damals hab ich gedacht: So ein komisches Zuckerl, das wird nicht kleiner. Irgendwann habe ich es geschluckt."

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