Mutter-Kind-Pass wird unangemessen entlohnt

Die Ärzteschaft verlangt mehr Geld für die Vorsorgeuntersuchungen von Schwangeren. Zu Recht.

Autorenbild
Panorama Barbara Morawec

Österreichische Gynäkologinnen und Gynäkologen haben es satt, sich mit 18 Euro abspeisen zu lassen, wenn sie Schwangere im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen betreuen. Immerhin kostet sie jede Untersuchung 30 Minuten. Die Ärztinnen und Ärzte finden 18 Euro, die sie nun schon seit mehr als zwei Jahrzehnten dafür aus dem Familienlastenausgleichsfonds erhalten, als nicht mehr angemessen.

Das kann man verstehen. 18 Euro sind wirklich zu wenig Geld für diese wichtige ärztliche Leistung. In den 40 Jahren, seit der Mutter-Kind-Pass besteht, stieg der Brotpreis um das Dreifache.

Die Schwangerenvorsorgeuntersuchung, das haben solche Systeme überall auf der Welt gezeigt, schützt in hohem Maße Leben. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass Frauen "früher" ihre Kinder einfach so bekommen hätten - und Vorsorge daher heute ein Luxus sei, auf den man verzichten könnte. Die Frauen- und Kindersterblichkeit war vor 40 Jahren in Österreich sehr hoch und ging seit der Einführung regelmäßiger Untersuchungen auf ein Minimum zurück. Auf diese Vorsorge zu verzichten oder sie in einen privaten Dienstleistungsbereich zu drängen wäre daher ein fataler Rückschritt, der Leben kostet.

Aber genau damit wird nun gedroht. Die Ärzteschaft wolle Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen nur noch "im kassenfreien Raum" anbieten, hieß es am Donnerstag. Das wäre realistischerweise das Aus für den Mutter-Kind-Pass. Seit es ihn gibt, sind die finanziellen Anreize für Schwangere, die Untersuchungstermine auch tatsächlich wahrzunehmen, weniger geworden. Einfach weil im österreichischen Gesundheitssystem für Vorsorge notorisch wenig Geld zur Verfügung steht. Auch wenn gebetsmühlenartig beteuert wird, dass Vorsorge das Gesundheitssystem ungemein entlasten würde. Doch nur durch Bonifikationen kann eine entsprechende Motivation geschaffen werden, dass sich Menschen regelmäßig untersuchen lassen. Das hat die Erfahrung gezeigt. Wenn Schwangere nun dafür zahlen müssten, würde die Zahl der Untersuchungswilligen drastisch sinken. Viele Frauen würden sich das nicht mehr leisten können, manche würden es sich nicht leisten wollen.

Natürlich werden die Gynäkologinnen und Gynäkologen nicht von heute auf morgen Schwangere nur noch gegen Bares untersuchen. Aber mit ihrer Ankündigung am Donnerstag haben sie die übliche standespolitische Rute ins Fenster gestellt. Sie bedeutet in Richtung Geldgeber Bund: Lasst uns verhandeln. Hoffentlich zugunsten der Frauen und Kinder.

Aufgerufen am 06.12.2021 um 09:34 auf https://www.sn.at/panorama/mutter-kind-pass-wird-unangemessen-entlohnt-2443450

Schlagzeilen