Nur eine abgekühlte Religion kann allen guttun

Das Christentum in Europa sei lau und erkaltet, heißt eine häufige Klage. Aber gibt es nicht ohnehin zu viele Hitzköpfe?

Autorenbild
Panorama Josef Bruckmoser

Keine Frage, seit dem Ende des 20. Jahrhunderts sind die christlichen Kirchen in Mitteleuropa leer geworden. Am meisten füllen sie sich noch zu Weihnachten. Da ist die Sehnsucht groß nach ein bisschen Frieden. Viele kommen am Palmsonntag, weil Frühlingserwachen, grüne Palmzweige und Kinder zukunftsfroh anmuten. Zu Allerheiligen und Allerseelen versammelt man sich auf dem Friedhof, weil der Mensch keine Zukunft hat, wenn er nicht seiner Herkunft eingedenk ist.

Das war es dann auch schon mit dem Christentum hierzulande, wenn man es an der Statistik des Kirchenbesuchs festzurren will. Nicht von ungefähr haben die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. von einer Neuevangelisierung Europas geträumt. Doch dieser Traum von einer Volkskirche, die die Gesellschaft in ihren äußeren Erscheinungsformen prägt, ist ausgeträumt. Wer nostalgisch an einer solchen Kirche hängt, die bei prunkvollen Fronleichnamsprozessionen ihre öffentliche Präsenz demonstriert, kann die Gegenwart nur als Abgesang beklagen. "Ein Haus voll Glorie schauet, weit über alle Land" - dieses Kirchenlied war einmal.

Aber genauso hat sich die Prophezeiung als Ideologie erwiesen, dass das Christliche aus dem Weichbild Europas verschwinden würde. Die angeblich wie von selbst fortschreitende Säkularisierung ist bis heute nicht an ihr Ziel gekommen. Im Gegenteil. Religion ist wieder ein Thema geworden, das uns so bald nicht loslassen wird.

Negativ fallen die Beschwörung des christlichen Abendlandes auf und jene gewalttätigen Fundamentalisten, mit denen Europa von außen konfrontiert ist. Doch dieser ungeheuerlichen Wiederkehr von Religion stehen Hinweise auf eine überraschend beständige Gläubigkeit gegenüber, die von innen lebt. Das Evangelium hat in den Nischen von neoliberalen Dogmen und Konsumismus besser überlebt, als Religionskritiker gehofft und Kulturpessimisten befürchtet hatten.

Erst vergangenes Wochenende haben sich mehr als 1000 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erzdiözese Salzburg im Dom versammelt. Man mag sagen, wie viele sind denn 1000 von den knapp 500.000 Salzburger Katholiken. Aber Quantität ist hier nicht das richtige Maß. Es ist die Qualität dieser Menschen, die zum Beispiel seit dem Herbst 2015 große Bereiche der Flüchtlingsbetreuung geschultert haben - nicht um sich in besonderer Weise als katholische oder evangelische Christen ins Rampenlicht zu stellen, sondern aus einer selbstverständlichen humanistischen Gesinnung heraus.

Christinnen und Christen in diesem Land lassen sich nicht mehr vor den Karren einer "christlichen Politik" oder gar der "Rettung des christlichen Abendlandes" spannen. So gesehen mag die Analyse von Philosophen und Religionswissenschaftern etwas für sich haben, dass die europäischen Gesellschaften "religiös erkaltet" seien. Man könnte im Moment dazu aber sogar sagen: Gott sei Dank! Religiöse Fanatiker, die glauben, Gott für sich gepachtet zu haben und daher über Leben und Tod von anderen entscheiden zu dürfen, gibt es genug.

Es ist als Kontrast dazu heilsam, zu sehen, dass Religion auch anders gelebt werden kann. Ein wenig "erkaltet" ist, wenn man es denn so bezeichnen wollte, allemal besser als maßlos überhitzt. Auch Österreich hat Zeiten erlebt, in denen eine "christliche Politik" das Land gespalten und zu einem Bürgerkrieg beigetragen hat. Die katholische Kirche hat daraus ihre bitteren Lehren gezogen und jedem politischen Katholizismus abgeschworen.

Christinnen und Christen von heute mögen äußerlich ein wenig abgekühlt erscheinen, aber umso mehr ist ihr Glaube innerlich gereift. Sie sind weder lau noch gleichgültig, aber sie haben es nicht nötig, ihr Mantra ständig wie eine Fahne vor sich herzutragen. Ruhig, überlegt, dialogfähig und mit großer Verlässlichkeit sind sie eine bedeutende Stütze der Zivilgesellschaft. Überzeugt treten sie für die gute Sache ein und suchen dafür jenseits aller parteipolitischen Interessen die Zusammenarbeit mit ähnlich Gesinnten, etwa in der österreichischen Armutskonferenz oder in der Allianz für den freien Sonntag. Solche Brücken zu bauen stärkt den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und dient in Krisenzeiten aufs Beste dem Gemeinwohl.

Aufgerufen am 19.09.2018 um 05:13 auf https://www.sn.at/panorama/nur-eine-abgekuehlte-religion-kann-allen-guttun-932608

Schlagzeilen