Österreich

136 Zeugen für die Grazer Amokfahrt

Der mit Spannung erwartete Prozess gegen Alen R. beginnt am 20. September. Dem 27-Jährigen wird der Tötungsversuch an 110 Personen vorgeworfen. Warum die Justiz nicht von einem "Angeklagten", sondern einem "Betroffenen" spricht.

136 Zeugen für die Grazer Amokfahrt SN/apa

Es wird wohl einer der emotionalsten Prozesse, die je am Grazer Straflandesgericht verhandelt worden sind: Ab 20. September steht mit dem aus Bosnien stammenden österreichischen Staatsbürger Alen R. jener Mann vor dem Richter, dem vorgeworfen wird, am 20. Juni des Vorjahres drei Menschen getötet und über 100 weitere Passanten in der Grazer Innenstadt zum Teil schwer verletzt zu haben.

Da die psychiatrischen Gutachter den 27-Jährigen mehrheitlich als nicht zurechnungsfähig eingestuft haben, hat die Staatsanwaltschaft Graz keine Anklage, sondern einen Antrag auf Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher gestellt. Alen R. wird aus diesem Grund von der Justiz auch nicht als "Angeklagter", sondern als "Betroffener" bezeichnet. Bei ihm wurde zum Tatzeitpunkt eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie beziehungsweise eine wahnhafte Störung diagnostiziert. Laut Gericht weist der Betroffene überdies eine seiner Krankheit entspringende Gefährlichkeit auf, die konkret befürchten lasse, dass weitere vorsätzliche Tötungsdelikte begangen werden könnten.

In der Grazer Geschworenenverhandlung werden die acht Laienrichter über die Schuld oder Unschuld des Betroffenen urteilen. Sollten die Geschworenen Alen R. auch Zurechnungsunfähigkeit bescheinigen, kann dieser nicht verurteilt, sondern nur eingewiesen werden. In dem mit Spannung erwarteten Prozess werden sieben Sachverständige gehört, 136 Zeugen - unter ihnen auch ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl - sind geladen. Wie auch schon bei den Dschihadistenprozessen wird die Verhandlung unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen über die Bühne gehen. Im Landesgericht besteht auch ein Verbot von Fernseh-, Hörfunk-, Film- und Fotoaufnahmen.

Der 27-Jährige war im Vorjahr mit seinem SUV vom Grazer Griesplatz über die Herrengasse direkt zu einer Polizeiinspektion in der Schmiedgasse gerast. Laut Zeugen soll er bisweilen mit annähernd 100 km/h unterwegs gewesen sein. Indem er mit seinem Fahrzeug gezielt auf Personen zufuhr, wird ihm die versuchte Tötung von insgesamt 110 Personen - unter ihnen auch sechs Kinder - vorgeworfen. Alen R. war 1993 als Vierjähriger mit seiner Familie nach Österreich gekommen. Nach der Schule hatte er einen Buchhalterlehrgang besucht, zuletzt hatte er AMS-Unterstützung bekommen, da sein Handel mit gebrauchten Autos nicht gut funktionierte.

Der Grazer Amokfahrer war auch polizeibekannt. Nachdem er 2014 mit einem Gewehr aus seinem Haus geschossen hatte, war ein vorläufiges Waffenverbot über ihn verhängt worden. Kurz vor der Amokfahrt wurde er nach wiederholtem Gewaltexzess gegenüber seiner Frau aus der gemeinsamen Wohnung gewiesen. Die Ehe ist seit Februar dieses Jahres geschieden.

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