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2007 - Was das Smartphone verändert

Ein neues Zeitalter beginnt: Das Smartphone verbringt mehr Zeit mit uns als ein Mensch. Heute besitzen weltweit 66 Prozent der Bewohner der Erde ein solches Gerät. Zum Telefonieren wird es allerdings kaum benutzt.

Das Smartphone ist aus dem beruflichen und privaten Leben nicht mehr wegzudenken.  SN/sdecoret - stock.adobe.com
Das Smartphone ist aus dem beruflichen und privaten Leben nicht mehr wegzudenken.

Die meisten Nutzer schauen alle 18 Minuten auf ihr Smartphone. Die Einführung des iPhone mit seiner Multitouch-Bedienoberfläche im Jahr 2007 markierte einen Wendepunkt im Markt. Durch den permanent mitgeführten Internetzugang löste das einen Wandel im Nutzungsverhalten aus. Und nicht nur das: Besitzer sagen, das Smartphone sei ihr bester Freund. Sie verbringen lieber Zeit mit dem Smartphone als mit anderen Menschen und geraten in Panik, wenn sie es irgendwo vergessen. In Umfragen geben Nutzer an, ihr Handy zwanghaft einschalten zu müssen. Sie versprechen sich mehr Glück, wenn sie weniger Zeit mit dem Handy verbringen. Aber ein Leben ohne das Gerät ist nicht mehr denkbar. Michaela Pfadenhauer ist Soziologin und untersucht an der Universität Wien, wie sich die Gesellschaft durch das Smartphone ändert.

Frau Professor Pfadenhauer, was untersuchen Sie genau? Michaela Pfadenhauer: Ich möchte das Thema Smartphone zunächst etwas einordnen und grundsätzlich anmerken, dass wir beobachten, aber nicht werten.

Der Medienwandel, der mit der Digitalisierung verknüpft ist, ist eine Revolution auf dem Informations- und Kommunikationssektor. Mediatisierung lautet der Fachbegriff. Diese hat es in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben, und sie hat vermutlich mit den Rauchzeichen begonnen. In jüngerer Zeit gesehen, hat die Mediatisierung mit dem Fernsehen an Fahrt aufgenommen. Mit dem Fernsehen kamen neue Fragen an die Soziologie, wie etwa ,wie verändert das Medium Tätigkeitsbereiche, weil es darum geht, fernsehtauglich zu sein?'. Beim Smartphone geht es um noch mehr. Die Fragen sind: ,wie greifen Smartphones in das privateste Leben von Familien ein, wie verändern sich Bildungseinrichtungen damit, wie die Politik?' Die Bereiche muss man jeweils unterschiedlich beobachten.

Was macht das Smartphone so einzigartig? Ein mobiles Telefon zu haben, war schon spektakulär. Doch das Smartphone ist ein tragbarer Computer. Es ist Telefon, Kamera, MP3-Player, Navigationsgerät, Spielecenter, Kalender, Wetterfrosch, Büro, Bibliothek, Nachrichtenbörse und Verbindung zu Familie und Freunden. Wer will, kann sein gesamtes Leben darin abbilden und ständig griffbereit haben.

Was beobachten Sie derzeit im Detail? Wir sehen, dass Leute mehr Scheu davor haben, zu telefonieren. Sie kommunizieren lieber auf andere Art, weil sie mehr Zeit haben zu reagieren. Asynchronizität wird zunehmend geschätzt. Mittlerweile kann man sich ja auch per E-Mail krank melden. Im direkten Gespräch muss man sofort reagieren. Solche Gespräche werden nun eher auf intime Beziehungen beschränkt. Wir beobachten zudem, dass es eine sehr große Unsicherheit gibt, wie man in welchen Situationen mit dem Smartphone umgehen soll. Wir würden einen neuen Knigge brauchen.

Das klingt nach dem heutzutage eher ungewöhnlichen Wunsch, verbindliche Regeln einzuführen . . . Das ist das Paradox. Wir möchten wissen, wie wir uns mit dem Smartphone verhalten sollen, von sehr privaten Situationen bis zu sehr anonymen. Und gleichzeitig leben wir in einer Zeit, die noch mehr versucht, sich von allen Instanzen und Autoritäten frei zu machen. Das ist eine Entwicklung, die es seit der Aufklärung gibt, die seit dem Zweiten Weltkrieg verstärkt zu beobachten ist und die sich ab den 70er-Jahren beschleunigt hat. Jetzt müssen wir versuchen, für überschaubare Bereiche Regeln zu finden oder individuell Regeln festzulegen. Aber niemand ist gezwungen, sich daran zu halten. Das ist schon ein Kulturwandel.

Jeder ist also sein eigener kleiner Planet? Ich würde es so sagen: Der Wandel schiebt nicht in eine bestimmte Richtung. Wir sehen eine immer größere Differenzierung mit großer Bandbreite von Menschen, die ohne Smartphone nicht leben können bis hin zu anderen, die sich teilweise oder ganz verweigern. Die Gesellschaft driftet in eine neue Unübersichtlichkeit mit starker Orientierung an anderen. Aber die Gruppen, an denen man sich orientiert, wechseln sehr schnell. Die Frage für uns ist also: ,wie bilden wir ein Wir aus?' Diese Frage ist etwa für das Funktionieren einer Gesellschaft und einer Demokratie nicht unerheblich. Unsere Beobachtung ist, dass die neuen Strukturen klein und netzwerkartig sind, mit wenig tatsächlichen Begegnungen und leichtem Zugang und Austritt. Das ist für mich spannend. Denn auch hier haben wir ein Paradox: Wir wollen Freiheiten, aber auch eine hohe Zugehörigkeit. Dieser Zwiespalt lässt sich freilich nicht überbrücken und er bringt Unwohlsein hervor. Damit können etwa starke Ideologien arbeiten. Sie erzeugen ein Gefühl von Zusammenhalt, ohne dass man sozusagen beim Club tatsächlich verbindlich dabei sein muss.

Wir haben also eine sehr große Sehnsucht nach starken Beziehungen und wollen gleichzeitig möglichst frei von allem sein. Das Smartphone passt als ein Teil von uns und als Kommunikationsmittel offensichtlich perfekt in diese Sehnsucht hinein.

Endgültig lässt sich allerdings nichts sagen, denn wir sind mit dieser Mediatisierung Teil eines Lebendexperiments, das in hoher Geschwindigkeit und Dynamik abläuft.

Michaela Pfadenhauer SN/uniwien/mair
Michaela Pfadenhauer


Michaela Pfadenhauer ist Professorin für Kultur und Wissen an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien. Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit ist Kulturwandel und Mediatisierung.

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