Österreich

Abschussbescheide für Wölfe: Österreich droht EU-Verfahren

Die beiden Abschussbescheide für Wölfe in Salzburg und Tirol haben die EU-Kommission auf den Plan gerufen. Österreich muss nun viele Fragen beantworten. Die Zeit drängt.

Wird in Österreich genug getan, um den Wolf vor dem Abschuss zu bewahren? Die EU-Kommission zweifelt daran. SN/ana gram - stock.adobe.com
Wird in Österreich genug getan, um den Wolf vor dem Abschuss zu bewahren? Die EU-Kommission zweifelt daran.

Die EU zeigt reges Interesse an den Abschussbescheiden für Wölfe in Salzburg und Tirol. Auf eine anonyme Anzeige hat die Kommission nun reagiert und will von Österreich wissen, ob für den Schutz der Schafe wirklich alle Möglichkeiten ausgereizt wurden - darunter Herdenschutz inklusive Behirtung, Elektrozäune, Nachtpferche sowie Hirtenhunde.

In dem Brief, der eine Einleitung eines Pilotverfahrens ist, sind 13 Fragen formuliert, für deren Beantwortung zehn Wochen Zeit ist. Verstreicht diese Frist oder sind die Antworten unzureichend, droht Österreich ein Vertragsverletzungsverfahren.

Seit Jahren wird hierzulande über Herdenschutz gestritten, Gegner und Befürworter sind sich spinnefeind, es gab sogar schon Morddrohungen gegen jene, die sich für den Wolf einsetzten. Der Beruf des Hirten ist quasi inexistent, eine Ausbildung gibt es nicht. Bauern, die Herdenschutz wollen, sind vielerorts auf sich allein gestellt - vor allem finanziell.

Dennoch fördert das Agrar-Umweltprogramm ÖPUL die Behirtung der Almen seit 2015 mit jährlich 12,5 Millionen Euro. Die Hälfte des Gelds, bisher knapp 50 Millionen Euro, kam davon aus Brüssel. Es führt auch zu dem Kuriosum, dass es in Österreich statistisch gesehen mehr als 7000 Hirten gibt - in der Praxis jedoch nur eine Handvoll. Denn bisher reichten ein Kreuz auf einem Antragsformular sowie ein vierstündiger Onlinekurs.

Die Reaktionen auf die 13 Fragen der EU-Kommission waren unterschiedlich. "Wir müssen uns das erst genau anschauen und können daher noch nichts dazu sagen", hieß es am Freitag aus dem Büro des Salzburger Agrarlandesrats Josef Schwaiger (ÖVP). Das allerdings vier Wochen nach Einlangen des Briefs, denn dieser datiert vom 21. Dezember 2021.

Deutlicher wurde die Umweltsprecherin der Grünen, Astrid Rössler. Sie hielt bereits im Vorjahr in einem SN-Interview die Abschussverordnungen für rechtswidrig. "Es sind hochnotpeinliche Fragen, die Österreich da gestellt bekommt. Spätestens jetzt sollten alle Beteiligten erkennen, dass es so nicht weitergehen kann." Der Brief aus Brüssel habe sie nicht überrascht: "Es ist kein Wunder, so wie wir das Thema bisher gehandhabt haben." Brancheninsider ergänzen, dass die EU nun die "Finger in gewisse Wunden" lege und dass "so etwas" zu erwarten gewesen sei.

In Tirol bleibt man gelassen: "Wir sehen das Schreiben sehr unaufgeregt", kommentierte Christa Entstrasser-Müller, Sprecherin des zuständigen Landesrats Josef Geisler (ÖVP). Die Position des Landes sei eindeutig: "Die Rückkehr des Wolfs ist eine Gefahr für die Almwirtschaft. Und Herdenschutz war bislang nur schwer bis nicht umsetzbar." Überdies strich Entstrasser-Müller den "enormen finanziellen Aufwand" für die Bauern hervor. Zu einem drohenden Vertragsverletzungsverfahren sagte die Sprecherin: "Dann gibt es halt eines. Wir kennen das ja aus der Transitdiskussion."

Dass es die EU mit ihrem Schreiben ernst meint, davon sind Experten überzeugt. Sie verweisen auf den Umstand, dass Deutschland einen ähnlichen Brief der Kommission erhalten habe, nachdem in Niedersachsen fünf Wölfe, die zuvor viele Schafe gerissen hatten, "entnommen" worden waren. In Österreich wurde - trotz dreier Abschussbescheide in Salzburg, Tirol und Kärnten - offiziell noch kein Wolf erlegt.

Aufgerufen am 18.05.2022 um 07:20 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/abschussbescheide-fuer-woelfe-oesterreich-droht-eu-verfahren-115858306

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