Auf den Wolf zu schießen bringt niemandem etwas

Die Rückkehr von Meister Isegrim erfordert die Schaffung verloren gegangener Strukturen. Stattdessen wird gestritten.

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Standpunkt Andreas Tröscher

Jährlich verenden in Österreich Tausende Stück Weidevieh. Von Autos überfahren, vom Blitz erschlagen, von Krankheiten dahingerafft. Doch seit sich der Wolf etwa ein Dutzend geholt hat, will sich die Aufregung gar nicht mehr legen: Wehret den Anfängen, schreien Landwirtschaftskammer und Jägerschaft. Der Wolf stehe unter strengem Schutz; wehe dem, der schießt, schreien die Naturschützer zurück. Bei all dem Gezeter wird auf die Betroffenen vergessen: jene Bauern, die ihre Nutztiere draußen auf der Weide haben - und nun um diese bangen. Berechtigterweise! Denn das Argument, dass die Zahl der Wölfe in Österreich lächerlich gering sei, ist schwach. 15 dürften es derzeit sein. Freilich ist nicht zu erwarten, dass schon bald regelmäßig riesige Rudel über Schafsherden herfallen. Doch rund um die Alpenrepublik tummeln sich die Urahnen unseres Haushunds in großer Menge. 600 sollen es in Deutschland sein, 2000 in Italien, 5000 auf dem Balkan, 4000 in den Karpaten. Und da sich Meister Isegrim bekanntlich nicht um Landesgrenzen schert, könnte er in Hinkunft verstärkt in Österreich vorbeischauen.

Die Zeit bis dahin sollte man nutzen, um sich zu wappnen. Und damit ist nicht das Auffüllen der Munitionslager in den Bauernstuben gemeint. Denn die Wölfe mit der Schrotflinte zu meucheln sei sinnlos, warnen die Experten. Erstens wird man dadurch nicht verhindern, dass immer wieder Schafe, Ziegen oder Hühner gerissen werden. Und zweitens drohen jedem, der einen Wolf erschießt, hohe Geldstrafen.

Wie also friedlich koexistieren? Die Schweiz macht es vor. Seit rund 20 Jahren wird dort Herdenschutz staatlich gefördert. Das sieht in der Praxis - stark verkürzt - so aus: Schafbauern schließen sich zusammen und engagieren einen Hirten samt Hunden. Mit dem Ergebnis, dass die Anzahl an gerissenen Schafen im Land der Eidgenossen stark zurückgegangen ist. Das klingt verlockend. Schließlich müsste der Staat dafür lediglich ein paar Millionen Euro lockermachen. Wäre das nicht ein Modell auch für Österreich? Grundsätzlich ja. Doch gibt es hierzulande kaum noch Hirten, was auch daran liegen mag, dass es keine Ausbildung (mehr) gibt. Bei immerhin 842 Schaf- und 675 Ziegenherden (die Zahlen stammen aus dem Nachhaltigkeitsministerium) eine fahrlässige Entwicklung. Eine baldige politische Entscheidung tut not. Sich einfach nur für den Schutz des Wolfs auszusprechen, wie es die zuständige Ministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) getan hat, wird auf Dauer zu wenig sein.

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Aufgerufen am 16.12.2018 um 02:10 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/auf-den-wolf-zu-schiessen-bringt-niemandem-etwas-27964570

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