Österreich

Coronaverdacht an Wiener Schule: "Wos is do los?"

Die Wiener Albertgasse wurde für mehrere Stunden zur Sperrzone erklärt. Eine Lehrerin war nach einem Italien-Urlaub krank geworden. 600 Schüler und die Anrainer mussten auf das Testergebnis warten.

Die Polizei hatte die Schule in Wien abgeriegelt. Schüler durften das Gebäude nicht mehr verlassen. SN/marian smetana
Die Polizei hatte die Schule in Wien abgeriegelt. Schüler durften das Gebäude nicht mehr verlassen.

"Helft meinem Bruder!" Mit diesen Worten schleppt ein Jugendlicher einen anderen auf die Straße und legt ihn vor der Schule auf den Boden. Verdutzte Blicke von Passanten. Plötzlich lachen beide Burschen. "War nur Spaß, kein Corona", sagt einer der beiden. Kurz zuvor hatte sich die Meldung verbreitet, dass es an dem Wiener Gymnasium in der Albertgasse einen Corona-Verdachtsfall gebe. Eine Lehrerin sei nach einem Italien-Urlaub erkrankt. Zwei Streifenwagen sind vor Ort. Immer mehr Mannschaftsbusse der Exekutive kommen mit Blaulicht. "Niemand kommt raus, niemand kommt rein", sagt der Kommandant knapp. Die Schüler müssen ins Gebäude zurück. Den beiden Burschen vergeht das Lachen. Aber nur kurz. Hinter den hohen Scheiben des Notausgangs der Schule wird gleich wieder geblödelt. Denn mittlerweile sind auch die ersten Fotografen und Journalisten vor Ort, ein rotes Absperrband wird über die Straße gespannt. Die Albertgasse ist dicht. Hundert Meter Sperrzone.

Auch für die Anrainer, die den Einsatz nur bedingt nachvollziehen wollen: "Wos is do los?", fragt ein älterer Mann, Herr Mückner, aus dem Fenster heraus. "Corona", sagt ein Streifenpolizist knapp. "Verdachtsfall." Der ältere Herr schüttelt den Kopf: "Ah so ah Bledsinn." Herr Mückner (63) lebt seit 30 Jahren in dem Gemeindebau gegenüber der Schule. Und jetzt, das Coronavirus in seiner Gasse? Mückner zuckt mit den Schultern und steckt sich eine Zigarette an: "Zwei Mal Prostatakrebs. Des Virus macht ma keine Angst."

Getöse von Gegenüber. Die Schüler johlen und kichern. Fenster auf, Fenster zu. Immer mehr Polizei kommt und riegelt die Straße ab. Mitarbeiter der Wiener Gesundheitsbehörde verschwinden in dem Schulgebäude. Gesichtsmasken trägt niemand. An der Absperrung sammeln sich Eltern. Sie sind zunehmend aufgeregt, hektisch wird telefoniert. Immer wieder fällt das eine Wort, das für Verunsicherung sorgt: "Corona." Es stellt sich heraus, dass nicht alle Eltern von der Schule informiert wurden.

Parallel dazu verschickt das Bildungsministerium einen Krisenplan zum Umgang mit dem Coronavirus an Schulen und Hochschulen. Darin enthalten ist eine Checkliste, wie zu reagieren ist, wenn eine Infektion oder ein dringender Verdachtsfall festgestellt oder gemeldet wird. Die (Hoch-)Schulen müssen in jedem Fall die Gesundheitsbehörden einschalten, diese treffen dann alle weiteren Entscheidungen. Sollte sich herausstellen, dass es sich bei dem Verdachtsfall um eine Coronainfektion handelt, sind auch Quarantänemaßnahmen möglich. Das sagte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Mittwoch vor dem Ministerrat. Sollte der Test positiv ausgehen, werde man die Schule abriegeln und die Schüler bestmöglich versorgen. Bisher hat es österreichweit 321 Testungen auf das Coronavirus gegeben. Aktuell stehen 23 Personen unter Quarantäne.

Zurück in die Albertgasse. Der Sicherheitsbeauftragte des Bezirks, Karl Fiala, bahnt sich einen Weg zur Schule. Der Lokalpolitiker will sich einen Überblick verschaffen, zeigt seinen Ausweis den Polizisten und will Auskunft. Doch die wissen wenig. "Wir helfen nur der Gesundheitsbehörde. Unsere Aufgabe als Polizei ist es im Moment, für Ruhe und Sicherheit zu sorgen und zu kontrollieren, dass niemand die Schule verlässt", sagt eine Sprecherin den Journalisten. Fiala hat selbst eine Enkelin in der Schule. Er habe gerade mit ihr telefoniert. "Es geht ihr gut, die Professorin hat ihr gerade gesagt, dass das bis Abend dauern kann." Der Unterricht werde weitergeführt. "Die Schüler sollen beschäftigt sein." Ein Papierflieger segelt aus einem Schulzimmer. Gelächter hallt durch die Sperrzone. "Ich will doch nur in meine Wohnung, meinen Kindern ist kalt", diskutiert eine Frau mit einem Polizisten, schließlich werden sie und ihre Kinder von zwei Beamten zum Hauseingang gebracht. Herr Mückner beobachtet weiter das Treiben, bis plötzlich um 13.50 Uhr die Absperrbänder verschwinden, die Polizei rückt ab, die Schule öffnet die Tore. Entwarnung. Der Test verlief negativ. Kein Corona in Mückners Gasse. Ein Polizist rollt das Absperrband ein, da verbreitet sich die Nachricht, dass es den nächsten Verdachtsfall in Wien gibt.

Liveblog zum Coronavirus:

Die Coronavirus-Hotline der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) steht unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 555 621 sieben Tage in der Woche von 0-24 Uhr zur Verfügung.

Aufgerufen am 18.09.2020 um 03:07 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/coronaverdacht-an-wiener-schule-wos-is-do-los-84032047

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