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Die sexuelle Revolution veränderte nachhaltig

Die sexuelle Revolution und die Erfindung der Antibabypille hat das Leben der Menschen in vieler Hinsicht geändert.

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Die sexuelle Revolution veränderte nachhaltig.  


Für die einen war es moralisches Desaster, eine Abkehr von Anstand und Würde hin zur Sittenlosigkeit. Für andere war es eine mehr als fällige Befreiung aus einer miefigen Moralvorstellung über Liebe und Sexualität. Die sogenannte sexuelle Revolution in der Mitte des 20. Jahrhunderts ließ jedenfalls niemanden kalt. "Make love, not war" (Mach Liebe, nicht Krieg) riefen die Hippies der 68-Bewegung in San Francisco. Die Blumenkinder propagierten - oftmals auch ganz nackt - mit diesem Slogan eine von Zwängen und bürgerlichen Tabus befreite Lebensvorstellung - mit viel Liebe, viel Frieden und viel Sex.

Der Umbruch vollzog sich dramatisch schnell. Befeuert durch eine zweite, mindestens ebenso markante Zäsur in der Geschichte: Der Biochemiker Carl Djerassi war 28 Jahre alt, als er die Antibabypille erfand. Die Menschheit erlebte durch dieses neue, sehr praktische Verhütungsmittel zum Hinunterschlucken einen noch nie da gewesenen und bis heute nachhaltigen Wandel im sexuellen Verhalten der Menschen auf fast der ganzen Welt.

Die Antibabypille, umgangssprachlich auch kurz "die Pille" genannt, ist bis heute das von Frauen in den westlichen und östlichen Industrienationen seit den Sechzigerjahren am häufigsten verwendete Mittel zur Verhütung einer Schwangerschaft. Man schätzt, dass sie von mindestens 60 Millionen Frauen täglich eingenommen wird.

1965, bereits fünf Jahre nach der Erstzulassung, wurde sie in den USA bereits von 41 Prozent der verheirateten Frauen unter 30 benutzt. Unverheirateten Frauen durfte die Pille noch nicht verschrieben werden. Doch der Siegeszug der Pille war selbst durch solche letzten moralische Barrieren nicht mehr aufzuhalten. Zehn Jahre später hatten schon drei Viertel der 18- und 19-jährigen verhütenden Frauen auf die Pille zurückgegriffen. Sie waren bestimmt nicht alle verheiratet.

Die Antibabypille veränderte zwei wesentliche Dinge in der Gesellschaft: Sie schützte Frauen mit einer noch nie da gewesenen Sicherheit vor ungewollten Schwangerschaften. Und erstmals konnte die Frau allein bestimmen, wann und wie viele Kinder sie bekommen will, ohne enthaltsam sein zu müssen. In der Folge waren junge Frauen von der gesellschaftlichen Verpflichtung, "Kinder zu bekommen und daheim zu bleiben" befreit und hatten dadurch die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Die Pille war nicht nur eine sexuelle Befreiung, sondern für viele Frauen eine gesellschaftliche Befreiung von Zwängen. Die deutsche Galionsfigur der Emanzipation, Alice Schwarzer, sagt sogar: "Die Pille ist ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation der Frauen."

Doch es gab auch genügend Kritik. Der deutsche Sozialphilosoph Max Horkheimer sagte gar, die Pille sei der Tod jeder Erotik. Religionsgemeinschaften, allen voran die katholische Kirche, meinten, die Pille mache die Frau für jeden zu jeder Zeit verfügbar. Sie öffne der Prostitution Tür und Tor. In der 1968 veröffentlichten Humanae vitae von Papst Paul VI., auch "Pillenenzyklika" genannt, wird der Gebrauch der Antibabypille verboten, weil sie Sexualität und Fortpflanzung trenne, die für die katholische Kirche untrennbar zusammengehören. Dieses Verbot wurde, zumindest offiziell, bis heute nicht aufgehoben.

Sexuelle Kontakte, die dadurch entstehende Intimität mit dem Partner liefern prinzipiell mehr Informationen über einen potenziellen Ehepartner. Sollte man meinen. Doch die Liebe ist und bleibt eine Macht, die unberechenbar ist und oft so unerwartet geht, wie sie kam. Die Scheidungsraten sind heute höher denn je. Daran ist natürlich nicht die Pille schuld. Auch nicht, dass moralische Vorstellungen darüber, wann wer wo und sogar wie Sex haben darf, nicht mehr gültig sind. Untersuchungen zeigen, dass "Geschiedene" in der Gesellschaft nicht mehr stigmatisiert sind wie früher. Auch die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen trägt dazu bei, dass Paare nicht aus wirtschaftlichen Gründen zusammenbleiben. Schweizer Soziologen vertreten die Ansicht, dass Scheidungen unter anderem deshalb zunehmen, weil es immer mehr Scheidungskinder gibt, welche später selbst einem höheren Scheidungsrisiko ausgesetzt sind.

Die sexuelle Befreiung änderte also nachweislich die Gesellschaft. Nicht immer, aber oft zum Besseren. Dennoch bleibt eines immer gleich: Liebe gibt es nicht auf Rezept, sie ist nicht nur Sex und man kann sich ihrer mit keinem Trick versichern.

Aufgerufen am 29.10.2020 um 08:44 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/die-sexuelle-revolution-veraenderte-nachhaltig-6088063

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