Österreich

Entwicklung und höherer Energiebedarf lassen sich entkoppeln

Die Menschen könnten bis 2050 Energie so effizient nutzen, dass das Klimaziel von maximal 1,5 Grad Celsius globaler Erwärmung ohne Lebensstandard-Einbußen erreicht wird. Durch aktuelle technische und soziale Trends sollte es möglich sein, fortschreitende Entwicklung von höherem Energiebedarf zu entkoppeln, erklären österreichische Forscher im Fachmagazin "Nature Energy".

Elektrofahrzeuge müssten Diesel- und Benzin-Pkw ersetzen SN/APA (Fohringer)/HELMUT FOHRINGER
Elektrofahrzeuge müssten Diesel- und Benzin-Pkw ersetzen

Die Forscher um Arnulf Grübler vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien haben das Potenzial von technischen Innovationen und sozialen Entwicklungen erkundet, die derzeit noch Randerscheinungen sind, mit denen man aber die Treibhausgasemissionen signifikant reduzieren könnte, wenn sie Mainstream würden. Zusammen mit detaillierten Studien, wie Energie im Transportwesen, in den Haushalten und Büros sowie bei der Produktion von Waren eingesetzt wird, erstellten sie daraus ein globales Niedrigenergie-Szenario ("Low Energy Demand-Scenario").

Demnach könnte man die Energie um das Zwei- bis Vierfache reduzieren, die Menschen benötigen, um sich fortzubewegen, Güter zu transportieren, die eigenen vier Wände zu heizen oder kühlen, und ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen, erklären sie in einer Aussendung.

Dies würde funktionieren, obwohl die Menschen durch die steigenden Lebensstandards und die wachsende Bevölkerung auf der Nordhalbkugel bis 2050 um 80 Prozent mehr Geräte anschaffen werden wie heute, und auf der Südhalbkugel sogar drei Mal so viele. Außerdem werden sie dann bis zu doppelt so viele Reisekilometer zurücklegen. Die Nahrungsmittelproduktion müsse außerdem um ein Drittel zulegen, um die um 20 Prozente steigende Weltbevölkerung zu versorgen sowie Mangel- und Unterernährung auszulöschen.

Dazu wären zum Beispiel strikte Standards bezüglich des Energieverbrauchs bei Neubauten und beim Renovieren von existierenden Gebäuden nötig, so die Forscher. Damit könnte man sich bis 2050 um 75 Prozent der Energie sparen, die man heute in Heizungen und Klimaanlagen steckt. Eine gesündere Ernährung mit weniger rotem Fleisch würde bei ähnlicher Kalorien-Aufnahme die Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft signifikant reduzieren, gleichzeitig könnte man dadurch Weideflächen in der Größe der Länder Italien und Bangladesch wiederaufforsten.

Statt Benzin- und Diesel-geriebener Privatautos müssten die Leute mit Elektrofahrzeugen einer gemeinschaftlichen Flotte unterwegs sein, die möglichst gut ausgelastet ist. Damit könnte man den weltweiten Energiebedarf für Mobilität um 60 Prozent reduzieren. Digitale Allzweckgeräte wie Smartphones statt einzelner Apparaturen etwa fürs Telefonieren, Fotografieren und Fernsehen zusammen mit dem Trend bei jungen Leuten, Services in Anspruch zu nehmen anstatt Dinge zu besitzen, könnten den Energiebedarf der "digitalen Welt" um 15 Prozente reduzieren.

Durch solche Umstellungen wäre der weltweite Gesamt-Energiebedarf bis zum Jahr 2050 um 40 Prozent im Vergleich zu heute reduzierbar, meinen die Forscher. Wenn man außerdem erneuerbare Energiequellen forciert, könnte man den Energiebedarf decken und die Treibhausgasemissionen reduzieren, ohne auf "unerprobte" Technologien zurückgreifen zu müssen, wie Treibhausgase aus der Atmosphäre zu holen und tief im Erdinneren einzubunkern ("Carbon Capture and Storage").

Für all das wären allerdings "noch nie dagewesene" Anstrengungen nötig: Die Politiker müssten die Energie- und Umweltstandards verschärfen, die Wirtschaft neue Technologien entwickeln und forcieren, und Haushalte sowie Einzelpersonen ihre Aktivitäten im täglichen Leben anpassen.

Es bräuchte außerdem ernste Bemühungen, dem gefürchteten "Rebound-Effekt" entgegenzuwirken. In der Geschichte führten billigere und effizientere Energiesysteme nämlich stets dazu, dass die Leute sie sogleich voll auskosteten und damit mehr Energie verbrauchten, als zuvor mit den alten Energiefressern.

Quelle: APA

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