Österreich

"Es war ein Fehler des Bootsführers"

Dass zwei junge Frauen beim Kentern eines Bundesheerboots fast gestorben wären, war nicht nur eine Verkettung unglücklicher Zufälle.

 SN/bmlv/rosenberger

Der Überlebenskampf der beiden jungen Frauen (18 bzw. 22 Jahre alt) dauerte mehr als 40 Minuten. Ob sie ihn gewinnen werden, ist bis dato ungewiss. Ihre Angehörigen wollen über den Gesundheitszustand keine Auskunft geben. Fest steht nun allerdings, dass dem Bootsunglück auf der Donau bei Hainburg, das sich im Rahmen eines Schnuppertags ("Girls' Day") des Bundesheers zugetragen hat, ein Fahrfehler des Bootsführers vorausgegangen ist.

Zu dieser brisanten Erkenntnis kam ein Gutachter in dem Abschlussbericht, der am Mittwoch präsentiert wurde. Ob dem Mann nun strafrechtliche Konsequenzen drohen, wird die Staatsanwaltschaft Korneuburg entscheiden. Nach Angaben von Wolfgang Baumann, dem Generalsekretär im Verteidigungsministerium, sollte der Bericht in Kürze bei der Anklagebehörde einlangen. Diese hatte bereits im September ihre Ermittlungen aufgenommen. Auch sämtliche 53 Teilnehmerinnen am Girls' Camp wurden zu dem Unglück befragt.

Parallel dazu untersuchte eine unabhängige Kommission die Tragödie vom 1. September in allen Einzelheiten: Um 9.45 Uhr legten im Hafen von Hainburg vier Pionierboote ab. Vier Minuten später nahm die Katastrophe ihren Lauf. Weil das vordere Boot zu einer Wende ansetzte, wollte der Fahrer des Unglücksboots ebenfalls wenden. Dabei geriet das neun Meter lange und zweieinhalb Meter breite Gefährt mit dem Bug in die Heckwelle. "Der Fehler war dann, dass der Bootsführer den Schub nicht zurückgenommen hat. So kam die gesamte Bugwelle ins Boot. Wenn man sofort auf Leerlauf geht, kommt der Bug aus der Welle und es dringt kein weiteres Wasser ins Boot. Dann kentert es auch nicht. Wir haben das nachgestellt", analysierte Hermann Steffan von der Technischen Universität Graz. Sein Fazit: "Hätte man das Gas zurückgenommen, wäre nichts passiert."

Dann kam es zu einem folgenschweren Irrtum. Zunächst schien alles perfekt abzulaufen: Sofort waren die Retter zur Stelle. Zwei Bootsführer tauchten nach jenen Frauen, die sich unter dem Boot befanden. Drei wurden gefunden. Von allein konnten die sich nicht befreien, da die aufgeblasenen Rettungswesten ein Durchtauchen verhinderten. Doch es fehlten immer noch zwei Personen. Während eine Suchaktion in der Donau startete, zog man das gekenterte Boot zu einer Sandbank, um es dort zu fixieren. Das war um 9.58 Uhr. In den folgenden Minuten wurde aus einer schrecklichen Vorahnung Realität: Es stellte sich heraus, dass die Vermissten immer noch unter dem Boot gefangen waren. Verzweifelt versuchten die Helfer, das zweieinhalb Tonnen schwere Boot umzudrehen. Erst mit Spanngurten und Seilwinden konnte es etwas angehoben werden, um die Opfer zu bergen: eine Frau um 10.28 Uhr, die andere um 10.34 Uhr - 39 bzw. 45 Minuten nachdem das Boot gekentert war. Sie wurden reanimiert und mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen.

Sich von den Rettungswesten zu befreien musste scheitern. Als am Mittwoch bei der Pressekonferenz ein Berufssoldat dies versuchte, schaffte er das nur mit äußerster Mühe. "Unter Wasser, in einer Stresssituation, ist das fast unmöglich. Es müsste einen jemand schon herausziehen", ergänzte Kommissionsleiter Oberst Herbert Walzer.

"So ein Unfall darf sich im Österreichischen Bundesheer nie mehr wiederholen", sagte der sichtlich geknickte Generalsekretär Baumann. Man wolle nun die Fortführung der "Personalwerbemaßnahme" Girls' Day überdenken.

Gutachter Steffan empfahl jedenfalls: "Dass man Schub rausnehmen soll, wenn die Heckwelle durchschnitten wird, muss in die Schulungsunterlagen aufgenommen werden."

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