Österreich

"Flüchtlinge willkommen": Mitbewohner gesucht

Ein WG-Zimmer oder der ausgebaute Dachboden: Eine neue Initiative bringt Österreicher, die Platz haben, und Flüchtlinge, die dringend Wohnraum suchen, zusammen.

"Flüchtlinge willkommen": Mitbewohner gesucht SN/diakonie/regina hügli
Das Integrationshaus „Into Salzburg“ vermittelt Startwohnungen. Die Warteliste ist lang.

Der Sohn ist erwachsen und zieht aus, der WG-Mitbewohner ist mit dem Studium fertig. Was tun mit den leeren Zimmern? Einem Flüchtling ein neues Zuhause schenken, schlagen die Initiatoren des Projekts "Flüchtlinge willkommen" vor. Es ist diese Woche in Österreich gestartet. Der 50-jährige Unternehmensberater Otto Simon aus Graz vermittelt gemeinsam mit anderen Unterstützern WG-Zimmer an Flüchtlinge: "Privatunterbringung hat mehrere Vorteile: Die Menschen werden besser integriert. Die Abgrenzung, die automatisch entsteht, wenn sie in einer Massenunterkunft leben, fällt weg."

Vorbild ist das gleichnamige Projekt aus Deutschland, das vor wenigen Wochen gestartet ist und schon mehrere WGs vermitteln konnte. Die Projektbetreiber stellen über die Internetplattform fluechtlinge-willkommen.at Informationen zur Verfügung und vermitteln Ansprechpartner vor Ort. Auch bei rechtlichen Fragen helfen sie. Martina Buchinger ist in Wien mit an Bord. In ihrer Bachelorarbeit stellte die 22-Jährige bereits fest, dass der schlechte Zugang zum Wohnungsmarkt eines der größten Probleme für geflüchtete Menschen in Österreich darstellt. "Wer nur eine Aufenthaltsbewilligung für zwei Jahre hat, bekommt selten einen Mietvertrag über drei Jahre. Die Vermieter nehmen dann lieber jemand anderen", erklärt sie. Mikrospender gesucht Auch die Finanzierung bleibt ein Problem: Asylbewerber in der Grundversorgung müssen mit monatlich 120 Euro Wohngeld auskommen. Anerkannte Flüchtlinge erhalten die Mindestsicherung, in Wien sind dafür fürs Wohnen etwa 200 Euro vorgesehen. "Flüchtlinge willkommen" sucht deshalb auch Mikrospender, die kleine Beträge aufbringen. "Auch wenn ich kein Zimmer frei habe, kann ich jeden Monat zehn Euro spenden. Ich denke, dass die Menschen Lust darauf haben, etwas zu bewegen", sagt Buchinger. Die Resonanz kurz nach dem Start bestätigt sie: Mehrere WG-Angebote sind schon eingetrudelt. Projekt in Niederösterreich erfolgreich In Niederösterreich wurde ein ähnliches Projekt schon im Sommer gestartet, und zwar direkt von der Landesregierung gemeinsam mit der Diakonie. Asylbewerber aus Traiskirchen werden an private Vermieter vermittelt. "Bei uns melden sich potenzielle Vermieter und sagen, für wie viele Menschen sie Platz haben. Wir suchen passende Personen und helfen bei den ersten bürokratischen Schritten", erklärt Projektleiterin Birgit Koller von der Diakonie. Dem Aufruf folgten viele: 180 Asylbewerber wurden bereits vermittelt. "Große Heime machen vielen Leuten Angst. Das Kleinteilige ist für alle Seiten angenehmer. Es entsteht Begegnung, Ängste und Vorurteile werden abgebaut", erklärt sie. Nur ein einziges Mal habe es bisher ein Problem gegeben. Warum gibt es das Projekt dann nicht in anderen Bundesländern auch? Darauf hat auch Koller keine Antwort. Warteliste in Salzburg voll Wohnraum für Flüchtlinge wird österreichweit jedenfalls dringend benötigt. "Auch bei anerkannten Flüchtlingen gibt es eine riesengroße Wohungsproblematik", erklärt Andrea Thoya, die Leiterin des Salzburger Diakonie-Integrationshauses "Into". Flüchtlinge, die Asyl bekommen, müssen aus den Heimen für Asylbewerber ausziehen. Die 24 Wohnungen von "Into" reichen in Salzburg längst nicht aus, um allen ein neues Zuhause zu bieten. "Wir suchen auch im privaten Wohnungsmarkt, aber ist ist schwierig. Wir mussten derzeit die Warteliste schließen, da sind über 100 Leute drauf."

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