Österreich

Fünf Gemeinden unter Quarantäne gestellt

Das Paznauntal und St. Anton wurden im Kampf gegen Corona abgesperrt. Ab Montag werden die meisten Geschäfte und Gaststätten geschlossen.

Kontrollen der Polizei am Ausgang des Paznauntals am Freitag, 13. März 2020, in See im Paznaun in Tirol. SN/APA/JAKOB GRUBER
Kontrollen der Polizei am Ausgang des Paznauntals am Freitag, 13. März 2020, in See im Paznaun in Tirol.

Tirol ist einer der Corona-Hotspots in Österreich. Vor allem in den Skizentren im Paznauntal mit den Gemeinden Ischgl, Kappl, See und Galtür sowie St. Anton am Arlberg wurden viele Erkrankungen gemeldet. Nun hat die Regierung beschlossen, dass diese Regionen, in denen etwa 9500 Personen leben, unter Quarantäne gestellt werden. Touristen müssen die Orte verlassen, sie werden registriert, ihren heimischen Gesundheitsbehörden gemeldet und dürfen während ihrer Heimfahrt nicht aus ihrem Auto aussteigen. Die österreichischen Gäste werden in den Tiroler Skiorten bleiben müssen, zumindest für die kommenden 14 Tage.

Die jüngsten Zahlen zeigen, wie stark diese Orte von SARS-CoV-2 betroffen sind. Knapp zwei Drittel der aktuell 170 positiv getesteten Personen in Tirol weisen einen Bezug zum Paznauntal und zu St. Anton auf, wie das Land am Freitag mitteilte. Im Laufe des Nachmittags wurden in Tirol weitere 29 Menschen positiv auf Corona getestet - allein davon stünden 20 in Zusammenhang mit St. Anton, Ischgl und Kappl, hieß es. Zur Isolierung der besonders betroffenen Gemeinden St. Anton und Ischgl sollen nun auch Bundesheersoldaten zum Einsatz kommen, bestätigte das Land Tirol. Im Rahmen einer Verordnung der Bezirkshauptmannschaft wurde ein Assistenzeinsatz angefordert. 30 Soldaten sollen eingesetzt werden. Seitens der Heeres hieß es, dass die Angelegenheit nun "intern geprüft" werde.

"Es herrscht ein riesiges Chaos. Wir sind überfordert. Alle zehn Minuten werden andere Maßnahmen verkündet", sagt Hermann Huber, Vizebürgermeister der Gemeinde Galtür im Paznauntal. "Wir müssen schauen, wie es weitergeht. Die Ereignisse überschlagen sich." Die Polizei habe erste Kontrollen eingerichtet, um eine Einfahrt ins Tal zu unterbinden. Auch die Gemeindemitarbeiter seien unter Quarantäne gestellt worden. Die Lage sei zwar angespannt, aber er verspüre keine Panik, die Bewohner seien auch nicht besonders beunruhigt, erzählt der Vizebürgermeister.

Emil Zangerl, Vizebürgermeister von Ischgl, sagte, dass er nichts von Panik oder Unruhe bemerkt habe. "Wir hatten am Freitag noch ganz normalen Betrieb, es war ein wunderschöner Skitag. Aber es ist nicht mehr so viel los wie sonst um die Zeit", erklärte er.

Dies war aber nur eine der Maßnahmen, die Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Freitag ankündigen, um die die Verbreitung des Coronavirus in Österreich einzudämmen. Ab Montag werden alle Handelsbetriebe zugesperrt bleiben. Ausnahmen gibt es nur für Geschäfte, die für die Versorgung der Bevölkerung unbedingt notwendig sind, wie Lebensmittelhändler, Apotheken, Drogerien, Tierfuttergeschäfte, Tankstellen, Banken und Postfilialen. Auch die Gastronomiebetriebe werden schließen. Ausnahmen gibt es lediglich für Speiselokale, die bis 15 Uhr geöffnet sein werden. "Österreich ist ab Montag auf Minimalbetrieb gesetzt", sagte der Kanzler.

Kurz appellierte an die Unternehmen, wenn möglich die Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Das ist das dritte Maßnahmenbündel, das die Regierung im Kampf gegen das Coronavirus beschlossen hat. Im Lauf der Woche waren die Schließung der Schulen, Grenzkontrollen zu Italien und das Veranstaltungsverbot beschlossen worden. In geschlossenen Räumen dürfen sich maximal hundert Personen treffen, im Freien 500.

Daneben gibt es noch eine Reihe von Maßnahmen, wie sich die Behörden auf eine Verschärfung der Lage vorbereiten.

In Wien wird die Messehalle zum Großlazarett umgebaut, damit genügend Krankenbetten zur Verfügung stehen. In der Halle A werden ab nächster Woche 880 Betten aufgestellt. Die Kapazitäten seien für Patienten gedacht, die einen leichten Verlauf der Krankheit hätten, aber nicht zu Hause betreut werden könnten, sagte der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Der Bürgermeister betonte auch, dass es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme handle: "Wir zeigen, dass wir als Stadt gut vorbereitet sind." Eventuell würden die zur Verfügung gestellten Betten gar nicht gebraucht. Derzeit seien die Kapazitäten in den Krankenhäusern noch ausreichend.

In den Krankenhäusern werden die Schutzmaßnahmen für das Personal verstärkt. So gibt es mittlerweile ein österreichweites Besuchsverbot. Ausnahmen gibt es nur im Kleinkinderbereich und auf den Palliativstationen. Was passiert, wenn sich ein Arzt oder eine Mitarbeiter der Pflege mit dem Virus infiziert, wurde am Freitag in der Steiermark deutlich. Das LKH Hartberg muss wegen einer zweiten Coronavirus-Infektion bei einem Mitarbeiter nun komplett "vom Netz" genommen werden, wie es ein Sprecher der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) ausdrückte. Der zweite Fall war Donnerstagabend bekannt geworden. Nun sollen nur noch die 43 Patienten behandelt werden, die bereits stationär in dem Krankenhaus aufgenommen wurden. Unter den 43 sind auch zwölf Männer und Frauen, die zu den Kontaktpersonen der ersten infizierten Mitarbeiterin des Krankenhauses gehören. Der nun neu infizierte Mitarbeiter zähle nicht zum Kreis der Kontaktpersonen der ersten Infizierten, daher habe man sich entschieden, das Spital komplett zu sperren. Unter den verbliebenen 43 Patienten des Spitals sei keiner mit dem Coronavirus infiziert, wurde betont. Alle entsprechenden Tests seien negativ ausgefallen. Die Patienten sollen nach und nach - nach Möglichkeit - in häusliche Isolation entlassen werden.

Die Zahl der infizierten Personen steigt in Österreich rasant an: Am Freitagnachmittag gab es 504 kranke Personen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) sagte, dass die Zahl zwar noch niedrig sei, es gehe aber um die Zeitspanne, in der sich die Krankheitsfälle verdoppelten. Und das machen sie in Österreich derzeit alle zwei Tage. Innerhalb weniger Tage wird es Tausende kranke Menschen geben, bis übernächste Woche könnten es bereits mehr als zehntausend sein. Anschober sagte erneut, es sei notwendig, diese Verdoppelungszeit der Ansteckungen zu verringern. Ansonst bestehe die Gefahr, dass die Kranken nicht mehr in den Spitälern versorgt werden können. Noch eine Einschränkung: Nach Salzburg und Tirol wird auch in Oberösterreich, der Steiermark und Kärnten die Skisaison beendet.

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