Österreich

Grazer Amokfahrer entzweit die Gutachter

Für den einen Psychiater litt Alen R. an Schizophrenie und einem "unkontrollierbaren Wahn". Sein Kollege ortet indes eine "kombinierte Persönlichkeitsstörung".

Dass der Mann, der auch am siebten Verhandlungstag denselben weißen Anzug trägt, am 20. Juni des Vorjahres die folgenschwere Amokfahrt durch die Grazer Innenstadt begangen hat, ist unbestritten. Strittig sind folgende Fragen: War er bei seiner Tat zurechnungsfähig oder nicht? Kommt er nach einem Schuldspruch der Geschworenen ins Gefängnis oder wird er in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingeliefert? Ist er tatsächlich psychisch krank oder spielt er - wie seine Ex-Frau behauptet hatte - allen etwas vor? Oder schließt gar das eine das andere nicht aus?

Selbst die Experten, die vom Gericht beigezogenen psychiatrischen Sachverständigen, sind uneinig. Nachdem lokale Gutachter zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind, wurde mit dem Deutschen Jürgen Müller ein Fachmann aus dem Ausland zurate gezogen. Dieser fasste am Mittwoch seine rund 150 Seiten starke Expertise so zusammen: "Bei Alen R. waren zum Tatzeitpunkt die Kriterien einer Schizophrenie erfüllt. Er war nicht zurechnungsfähig." Als Begründung für die Diagnose eines "akuten, unkoordinierbaren Wahns" nannte er "drei Wahnideen": die vom Amokfahrer eingebildeten Schüsse, die Angst vor den Verfolgern und das Gefühl, bei der Polizei sicher zu sein. Laut Müller hat R. die Verfolger auf der Straße gesehen, er habe diese niederfahren wollen, um "diese Personen für die Polizei festzusetzen". Oder anders formuliert: In seinem Wahn habe der Amokfahrer gedacht, er helfe der Polizei, wenn er die vermeintlichen Verfolger niederstoße. "Er war subjektiv im Auftrag der Gerechtigkeit unterwegs und war nicht imstande, aus seinem Wahnsystem auszubrechen", betonte Müller, Universitätsprofessor für forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Göttingen. Richter Andreas Rom zweifelte dies an: "Wäre nicht auch ein ganz normaler Blutrausch denkbar? Wie der Fuchs im Hühnerstall?" Der Obergutachter schüttelte den Kopf: "Das ergibt keinen Sinn: Er suchte ja Schutz bei der Polizei."

Mehrfach wurde der Gutachter gefragt, ob die Verantwortung des Amokfahrers nicht auch eine Schutzbehauptung und Kalkül sein könnte. Schließlich sei eine lebenslange Haftstrafe sicher schlimmer als "ein Maßnahmenvollzug mit Musiktherapie". Antwort des Gutachters: "Ich kann es Ihnen nicht sagen. Üblicherweise wollen die meisten Täter nicht in den Maßnahmenvollzug." Müller räumte ein, dass R. in manchen Punkten nicht die Wahrheit sagt, einige der dargebotenen Symptome seien aber nicht vorspielbar.

Ob der von Alen R. behauptete Gedächtnisverlust zur Amokfahrt ("Es tut mir furchtbar leid, aber ich kann mich nicht erinnern") möglich sei? "Ich kann mir gut vorstellen, dass er mehr weiß, als er sagt", erklärte der Obergutachter. Für den Grazer Psychiater Manfred Walzl ist Alen R. zurechnungsfähig. Nachsatz: "Es ist aber nicht auszuschließen, dass die Zurechnungsfähigkeit möglicherweise vermindert war." Walzl hatte den Amokfahrer bereits zwei Tage nach der Tat gesehen und damals eine "kombinierte Persönlichkeitsstörung mit mehreren Anteilen, vor allem eine dissoziale, negativistische und eine psychische Verhaltensstörung durch Cannabinoide" festgestellt. Hinweise auf eine tief greifende Bewusstseinsstörung habe er nicht gefunden. Und: "Bei einer Persönlichkeitsstörung stellt - wie bei Alen R. - der Wahn im Nachhinein eine Rechtfertigung der Tat dar."

Gutachter Walzl ("Er wusste, was er tat") verwies auf mehrere Unschärfen und Widersprüche, etwa auf die Behauptung von R., dieser sei in Panik zur Polizei gerast: "Wer in Panik gerät, der hält nicht und wartet nicht bei einer roten Ampel." Schon aus den ersten Aussagen von Alen R. sei herauszulesen gewesen, dass er einen Groll auf Graz gehegt habe. Die Stadt sei schuld, dass es ihm nicht gut gehe. Laut Walzl hat sich die aufgestaute Wut im Amoklauf entladen - der letzte Ausweg aus einem "Scheitern auf allen Ebenen", auch, um seine verletzte Männlichkeit wiederherzustellen: "Herr R. rang und ringt um Aufmerksamkeit, um Anerkennung."

Die Tat versteht der Psychiater "als direkte Botschaft an die verhasste Gesellschaft", Antrieb sei der Wunsch, durch die Tat Berühmtheit zu erlangen, gewesen. Schließlich berichtete Walzl noch von R.s Angst, in der "Häfenhierarchie" ganz unten - noch unter den Pädophilen - zu stehen. Über die Zurechnungsfähigkeit entscheiden die Geschworenen. Am Donnerstag soll das Urteil fallen.

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