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Grazer Amokfahrer-Prozess: "Mein Ex-Mann spielt allen was vor"

Alen R.s Ex-Frau charakterisiert diesen unter Tränen als gewalttätigen, drogenabhängigen Lügner. Heute könnte bereits ein Urteil fallen.

Grazer Amokfahrer-Prozess: "Mein Ex-Mann spielt allen was vor" SN/apa
Sechster Verhandlungstag: Alen R. trägt immer noch den weißen Anzug.

Möchte sie aussagen? Kann sie aussagen? Wird sie aussagen? Die Spannung im Großen Schwurgerichtssaal steigt, als die Ex-Frau des Grazer Amokfahrers gestützt von einer juristischen Prozessbegleiterin zum Zeugenstuhl geführt wird. Dort bekommt sie einen Weinkrampf und ruft: "Ich kann nicht mehr, ich will nach Hause gehen zu meinen Kindern."

Ihr Zittern am ganzen Körper beruhigt sich erst, als Alen R. aus dem Saal geführt wird und sie von der Begleiterin umarmt wird. Dann fasst sie sich ein Herz und sagt unter Tränen: "Alen ist ein Schauspieler. Er spielt allen was vor. Das ist ein Machospiel, er wollte immer Erster sein, er ist gewaltbereit, hat mich auch bedroht, auch mit Waffen. Als ich schwanger war, hat er mich auch geschlagen." Die zierliche junge Frau beginnt wieder zu zittern, die Prozessbegleiterin nimmt sie wieder in den Arm.

"Wenn er es genommen hat, war er sehr aggressiv"

Richter Andreas Rom zeigt im Umgang mit der Zeugin Einfühlsamkeit, legt immer wieder Pausen zur Beruhigung ein: "Was ist Alen R. für ein Mensch? Wir kennen ihn nicht. Ist er ein Christ, wie er sagt?" Antwort der Zeugin: "Er lügt. Er hat gesagt, dass er Moslem ist. Er wollte mehrere Frauen heiraten, er ist kein Christ. Und er hat mich auch gezwungen, Kopftuch und die Burka zu tragen." "Und der weiße Anzug? Haben Sie ihn schon einmal so gesehen?" Die Frau schüttelt den Kopf und antwortet: "Zum ersten Mal sehe ich ihn hier so. Geheiratet hat er in Schwarz." Dann zeichnet die Zeugin das Bild eines seit Jahren Drogenabhängigen: "Alen hat rund zehn Cannabispflanzen mit einer Lampe im Gang gehabt." Jeden Tag seit der Geburt des ersten Sohnes habe er das Suchtgift mit einem Inhalationsgerät konsumiert: "Wenn er es genommen hat, war er sehr aggressiv. Ich bekam Schläge und er ist dann auch mit einer Machete mit dem Bus und in der Straßenbahn herumgefahren." Der Griff des langen Messers habe aus der Laptoptasche herausgeschaut. Auf die Frage von Richter Rom, warum sie glaube, dass Alen R. vor Gericht lüge, antwortet die Frau, dass er das von seiner Mutter gelernt habe. Auch sie sei eine gute Schauspielerin, die ganze Familie habe "schlimme Sachen" gemacht. Auf Nachfragen präzisiert die Zeugin: Autokäufer seien etwa betrogen worden.

Alen R. und seine Ex-Frau haben vier Jahre zusammengewohnt, gemeinsam haben sie zwei Kinder. Ob er sich in dieser Zeit schon verfolgt gefühlt habe, will das Gericht wissen. "Ja", antwortet die Zeugin, "einmal von türkischen Leuten, einmal von Marsmenschen, wie er gesagt hat." Nachsatz: "Da hat er aber zuvor Cannabis genommen." Wieder bekommt die junge Frau einen Weinkrampf. "Ein bisserl beißen S' noch durch, Sie kriegen das hin", macht ihr Richter Andreas Rom Mut. Was sie sonst noch über ihren Ex-Mann berichtet? Er sei ein guter Autofahrer, habe im Drogenrausch vom Balkon mit einer Waffe in den Garten geschossen und sei nur als sie sich 2011 kennengelernt haben, ein liebevoller Mensch gewesen: "Drei Monate lang." Dann habe er ihr schon den Kontakt mit ihren Eltern verboten.

Alen R. streitet alle Vorwürfe ab

Als Alen R. wieder in den Gerichtssaal kommt, streitet er alle Vorwürfe ab. Seine Ex-Frau sei nie geschlagen worden, in Wahrheit habe sie ihn nie geliebt und wolle ihn nun anschwärzen. "Warum sollte sie das tun?", fragt der Richter. Antwort von Alen R.: "Sie will, dass ich im Gefängnis bleibe und sie das Kindergeld bekommt." Am Nachmittag sagt jener Psychiater aus, der Alen R. bereits kurz nach der Amokfahrt gesehen und seither rund 20 Mal mit ihm gesprochen hat. "Er war nach außen hin ein ängstlicher Klient mit einer deutlich erhöhten Ich-Bezogenheit und mangelnder Empathie", fasst der Zeuge seine ersten Eindrücke zusammen. Paranoid-schizophrene Züge seien nicht feststellbar gewesen, er habe den Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Ob der Amokfahrer "etwas vorspielen könne"? "Dies ist denkmöglich", sagt der Experte. Ein Polizist berichtet, im Haus von R. das Videospiel "Grand Theft Auto" gefunden zu haben: "Da fährt man herum, führt auch Menschen nieder und sticht sie nieder." Am Mittwoch könnte bereits ein Urteil fallen.

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