Österreich

Greenpeace: Massentierhaltung belastet drei heimische Gewässer

42.000 Schweine kommen im steirischen Schwarzautal auf rund 2000 Einwohner. Durch die von Landwirtschaft geprägte Gemeinde fließt der Schwarzaubach, rundum wächst Mais. Eine Greenpeace-Untersuchung zeigt nun: Im Wasser dort sind Antibiotika und viele Pestizide. Die Gemeinde hat davon offenbar nichts gewusst.

"Ich hatte davon null Kenntnis", zeigt sich der Schwarzautaler Bürgermeister Alois Trummer (ÖVP) am Donnerstag im SN-Gespräch von den Ergebnissen des Greenpeace-Gewässertests überrascht. Ob es bisher Probleme mit dem Wasser, mit Schadstoffbelastung und Grenzwerten gegeben habe? Er verneint. Der Schwarzaubach fließe durch fünf Gemeinden, erklärt der Ortschef. Auf seinen Ort entfielen achteinhalb Kilometer.

In Schwarzautal sind der größte Ferkelerzeuger und der größte schweineverarbeitende Betrieb Österreichs angesiedelt. Im Jahr 2017 wurde laut Greenpeace in Österreich mit insgesamt 470.601 Tonnen mehr Schweinefleisch erzeugt als alle anderen Fleischarten (Rind, Geflügel, Schaf, Ziege, Pferd und Sonstiges) zusammengenommen.

Besagte Wasserprobe wurde im Juni in Hainsdorf im Schwarzautal gezogen - einem Teil der Gemeinde von Bürgermeister Trummer. Er sagt, dass sich genau dort besagter Ferkelbetrieb befindet.

Ob die Gemeinde nun reagieren wird? "Wir sehen derzeit keinen Handlungsbedarf", so Trummer. Denn weder das Land noch die Gewässeraufsicht der Bezirkshauptmannschaft hätten die Wasserqualität bisher beanstandet.

Diesen Umstand begründet Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Sebastian Theissing-Matei gegenüber den SN damit, dass Oberflächengewässer getestet wurden - nicht aber das Grund- bzw. Trinkwasser. Er fordert nun weiterführende Tests.

Massentierhaltung als Gefahr für die Umwelt

Der Greenpeace-Test mit Proben von 29 Gewässern in zehn EU-Regionen mit intensiver Tierhaltung ergab in 70 Prozent der Fälle den Nachweis von Antibiotika und bei allen jenen von Pestiziden. "Industrielle Tierhaltung ist eine Gefahr für unsere Umwelt und unsere Gesundheit", sagt Sprecher Theissing-Matei. Durch Intensiv- oder Massentierhaltung - wie auch in Bürgermeister Trummers Gemeinde - würden Tierarzneimittel, Pestizide, Metalle und Nährstoffe im Überfluss in die Flüsse geschwemmt. Einmal in die Umwelt gelangt, bilden sich so regelrechte "Cocktails" an Substanzen, die empfindliche Ökosysteme schädigen können, hieß es im dazugehörigen Report "Dirty Waters".

Antibiotika in Gewässern schaden Menschen

"Auch für uns Menschen ist das mittelfristig ein gesundheitliches Risiko. Antibiotika, die aus der Massentierhaltung in die Umwelt gelangen, erhöhen die Gefahr von Resistenzen", erläuterte Theissing-Matei die Folgen der "Umweltverschmutzung durch Massentierhaltung".

In Österreich wurden Proben aus dem Schwarzaubach und der Stiefing - beide in der Steiermark - sowie aus dem Sipbach in Oberösterreich genommen, laut Greenpeace Gegenden mit einer besonders hohen Dichte an Schweineställen. Pro Probe wurden bis zu fünf Tierarzneimittel, darunter mehrere Antibiotika, und bis zu 38 verschiedene Pestizide festgestellt. Dies ist der dritthöchste Pestizidwert, der in Europa gefunden wurde. Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) und Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) dürfen die Risiken der Massentierhaltung für Umwelt und Gesundheit nicht weiter ignorieren, fordert die Umweltschutzorganisation.

Das Problem mit den Schweinen

Knapp drei Viertel aller Antibiotika in der Tierhaltung gingen in Österreich an Schweine. Der hohe Einsatz führe dazu, dass sich Resistenzen gegenüber wichtigen Medikamenten entwickeln. Diese Super-Keime können auch uns Menschen gefährlich werden, warnte Greenpeace. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Antibiotika-Resistenzen als eine der drei dringendsten Probleme für die öffentliche Gesundheit ein.

"Resistenzentwicklungen haben gravierende Folgen für die medizinische Behandlung von Patientinnen und Patienten. Häufig sind Infektionen mit resistenten Bakterien schwer therapierbar, in bestimmten Fällen sind sie sogar unheilbar. Daher ist der Umgang mit diesen lebensnotwendigen Medikamenten selbstverständlich auch in der Tierhaltung streng zu reglementieren", warnte Hans-Peter Hutter, Sprecher der ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt.

Pestizide kommen vom Anbau des Futters für die Schweine

Zur Belastung der untersuchten Gewässer durch Antibiotika kam die Verschmutzung mit einer Vielzahl verschiedener Pestizide hinzu, hieß es weiter: 27 im Schwarzaubach, 38 in der Stiefing und 20 im Sipbach. Der Pestizidwert der Stiefing war der dritthöchste, der in Europa gefunden wurde. "Die Landwirtschaft in den beprobten Regionen ist vor allem dem intensiven Anbau von Futtermitteln wie etwa Mais gewidmet, um die Zehntausenden Schweine vor Ort zu versorgen. Wir können daher davon ausgehen, dass ein wesentlicher Anteil der Pestizide aus dem Anbau von Futtermitteln stammt", erklärte Theissing-Matei.

Lungau soll giftfrei werden

Indes formiert sich im Lungau Widerstand gegen den gängigen Einsatz von Spritzmitteln in der Landwirtschaft. Wie die SN berichteten, setzt sich Biobauer Peter Löcker dafür ein, dass seine Region zur giftfreien Zone wird. Das soll den Direktvermarktern ein weiteres Argument für ihre Produkte in die Hand geben. Plus: Der Verzicht auf Pestizide wäre positiv für Boden und Grundwasser.

60 Prozent der Landwirte im Lungau sind bereits Biobauern, einige Gemeinden verzichten schon freiwillig auf den Einsatz des schwer in der Kritik stehenden Unkraut-Bekämpfungsmittels Glyphosat - gegen den Trend. Denn österreichweit stiegen die in Verkehr gebrachten Wirkstoffmengen von 3100 Tonnen (2013) auf mehr als 4600 Tonnen im Vorjahr.

Aufgerufen am 01.12.2020 um 07:54 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/greenpeace-massentierhaltung-belastet-drei-heimische-gewaesser-61611757

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