Grüne Weihnachten

Der Duft von Weihnachten

In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Person, die nicht riechen kann. Das mache ihm nichts aus, sagt er. Das Schmecken sei ihm nämlich nicht abhanden gekommen und so bereitet ihm sein Schweinsbraten oder das Schnitzerl am Sonntag trotz fehlender Riechfähigkeit Riesenappetit. Auf Süßes, sagt er, stehe er ohnehin nicht so sehr. Darum kann er meine kindliche Freude, wenn es daheim nach selbstgemachten Weihnachtskeksen duftet, null nachvollziehen.

Selbst gebacken und aus guten Zutaten schmecken sie immer noch am besten. SN/bernhard schreglmann
Selbst gebacken und aus guten Zutaten schmecken sie immer noch am besten.

Kekse backen - für mich der Inbegriff von Weihnachten. Früher, bevor in meinem Haus kleine Fressdrachen eingezogen sind, die sich lange vor dem Heiligen Abend in der Speisekammer über die Keksvorräte hermachen, habe ich mich sogar hin und wieder selbst ausgetrickst und eine Duftkerze mit Vanillekipferlgeschmack stundenlang brennen lassen, nur damit es nach Selbstgebackenem riecht. Aber den unfassbaren Duft aus der eigenen Kindheit, wenn nach der Schule mit der Mama der Teig ausgerollt und kleine Sterne, Herzerl und Tannen ausgestochen wurden, habe ich damit natürlich nie erreicht.
Ein Advent ohne selbstgemachte Weihnachtsbäckereien ist bei uns daheim jedenfalls völlig undenkbar. Darum wird unsere Küche in diesen Wochen regelmäßig in ein Schlachtfeld aus Teigpatzen, Zuckerguss, kleinen Mehlhäufchen, Schokoglasur und Dotterpfützen verwandelt. Wenn dann das erste Blech in den Ofen geschoben wird und sich der Kekserlgeruch langsam im ganzen Haus ausbreitet, dann glaube ich wieder ans Christkind.

Auf die Qualität kommt es an

Doch beim Backen gilt wie beim Kochen: auf die Qualität der Produkte kommt es an. Darum bin ich (nicht nur) im Advent Großabnehmerin der Freilandeier eines Bauern aus dem Nachbarort, von dem ich mir auch in einer altmodischen Milchkanne jeden zweiten Tag frische Milch hole. Mein Mehl hole ich mir in 5-Kilo-Säcken aus einer Mühle aus dem gleichen Ort, ich kenne die Müllerin, weiß, woher sie ihr Korn bezieht, sie ratscht gern mit ihrer Kundschaft, erzählt mir von ihren Kindern und kann sich auch die Namen von meinen Zwergen merken. Den Honig für meine Lebkuchen hole ich in der Nachbarschaft. Die Marmelade zum Zusammenpicken der Linzeraugen haben wir im Sommer mit den Ribiseln aus dem Garten selbst gemacht. Und was wir ansonsten noch für unsere Kekserl brauchen - Nüsse, Vanille, Gewürze - hat der Bioladen unseres Vertrauens in Fair-Trade-Qualität auf Lager.

Vom beleidigten Gaumen

Weil eingangs schon von der Mama die Rede war: Eines mache ich ganz anders als sie. Sparsam, wie man früher eben war, hat sie zum Kekse- un Kuchenbacken immer die billigeren Margarinewürfel gekauft. Als Kind habe ich dieses künstliche Fett noch nicht heraus geschmeckt, heute merkt es mein verwöhnter Gaumen sofort, wenn er am Punschstandl von billigen Margarine-Kipferln bekleidigt wird. Darum gibt es bei uns das ganze Jahr über - und damit natürlich auch in der Weihnachtszeit - nur richtige Butter von der Käserei aus der Region. Die schmeckt so gut, dass sich unsere ostdeutsche Freundin - wahrscheinlich wegen ihrer "Wir hatten ja nichts, damals in der DDR"-Mentalität - regelmäßig über unsere Butterziegel hermacht, als hätte sie noch nie etwas Köstlicheres gegessen.
Ob man es herausschmeckt, dass die Zutaten für unsere Kekse nicht beim Diskonter gekauft wurden? Ich habe keinen Vergleich, darum kann ich das nicht beantworten. Ich weiß nur, dass jede Menge Liebe drin steckt - und die fängt schon bei der Henne an, die beim Eierlegen sicher mehr Freude hatte, als ihre im Stall unter vielen eingezwängte Cousine.
Ach ja, billige Duftlamperl kommen mir heute auch keine mehr ins Haus. Unser Advent riecht jetzt nach Weihrauch, Zimt und Tannenzweigen.


Aufgerufen am 27.11.2020 um 12:13 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/gruene-weihnachten-der-duft-von-weihnachten-62342581

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