Grüne Weihnachten

Ein Baum für gewisse Stunden

Weihnachtsbäume muss man nicht fällen. Man kann sie auch mieten. Vor allem in urbanen Gefilden wird somit die Arbeit des Christkinds massiv erleichtert.

 SN/marian smetana

Die Liebste liebt Christbäume. In der Stadt stellt der Wunsch nach einem geschmückten Baum das Christkind vor gewisse Herausforderungen. Es gibt zahlreiche Argumente, die gegen die Weiterführung dieser Tradition in urbanen Gefilden sprechen: Den Baum ins Auto packen, die Stiegen hinauf schleifen, in den Aufzug reinquetschen, im Wohnzimmer auspacken, einrichten, den Parkett vor Nadeln säubern nachdem man das Auto von den Nadeln gesäubert hat, nach den Feiertagen Christbaum wieder einpacken, Stiegen runter schleifen, in den Lift reinquetschen und so weiter und sofort. Allen voran muss ein Baum sein Leben lassen. Nur für die Ästhetik.

Mit Graus erinnert man sich auch an die Erzählung eines guten Freundes, der sich lange - aufgrund des fehlenden Platzes - gegen einen Christbaum gewehrt hatte. Erfolglos. Die übrigen Familienmitglieder bestanden darauf, woraufhin er sich das Wohnzimmer - aufgrund eines Fehlers beim Ausmessen der Raumhöhe - wochenlang mit einem grünen Ungetüm teilen musste. Mit "Urwald Hilfsausdruck" hätte ein österreichischer Erfolgsautor die Szene wohl beschrieben. Stück für Stück, Ast für Ast musste der Baum schließlich nach dem Weihnachtsfest vom fünften Stock Richtung Biotonne entsorgt werden. Bis in den März hinein lagen Reste des toten Gehölzes noch in der Wohnung herum, weil die Reste des Ungetüms regelmäßig den Müllraum überlasteten.

Doch der Wunsch der Liebsten nach einem Christbaum in der gemeinsamen Bleibe war stärker, als all die Argumente und Erzählungen von Freunden. Schließlich sah die Palme, die davor jahrelang als Alibi-Christbaum herhalten musste, unter dem Gewicht der Christbaumkugeln zunehmend traurig aus. Ein Christbaum sollte her. Auch in die Stadtwohnung.

Die Lösung brachte nicht das Christkind, sondern das Internet. Tatsächlich stößt man nach kurzer Recherche auf ein kleines Christbaum-Unternehmen namens "Green-Tree", das lebende Christbäume im Topf vermietet. Und liefert und abholt. Kein Baumsterben und kein Mist. Nun steht der "Baum für gewisse Stunden" auf der Terrasse. So lange, bis er wieder in guter Waldviertler Erde Kraft tanken kann. Für das nächste Weihnachtsfest. Mit dem Konzept ist wohl allen geholfen. Der Umwelt, den Weihnachtsbäumen, der Liebsten und vor allem dem Christkind.

Aufgerufen am 25.11.2020 um 02:54 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/gruene-weihnachten-ein-baum-fuer-gewisse-stunden-62727943

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