Grüne Weihnachten

Ein Schrei nach Ruhe

Wenn die Zeit am schnellsten zu rasen scheint, sollte man sich ihres Taktes besinnen. Der ist langsamer als gedacht; auch jetzt in der Weihnachtszeit.

Wenn sich das Jahr zu Ende neigt und keine Minute verloren gehen darf, sollte man bewusste Pausen einlegen.  SN/pixabay
Wenn sich das Jahr zu Ende neigt und keine Minute verloren gehen darf, sollte man bewusste Pausen einlegen.

Menschenmassen pressen sich durch üppig geschmückte Hütten. Sie sind auf der Suche nach Erlösung in warmen Wein. Sie sprinten, um das letzte Geschenk zu ergattern. Daneben verheißt ein Chor mehrstimmig eine Stille Nacht. Es wird eng werden um diese Prophezeiung. Die Stille erstickt in funkelnden Lichterketten, plärrenden Leuchtreklamen. Die Winter-Wonderland-Tourismusmaschinerie läuft. Da möchte man am liebsten durchatmen.

Genau das sollte in der Weihnachtszeit Platz finden. Die Natur nimmt uns dabei an der Hand. Die Tage werden kürzer, die langen Nächte machen Raum für Verschnaufpausen. Schneeflocken schweben gemächlich herab. Die Kälte zwingt uns dazu, eine Weile vorm Feuer zu verweilen. In den Funken der knisternden Holzscheite lassen sich Probleme in anderem Licht sehen.

Gerade dann, wenn sich das Jahr zu Ende neigt und keine Minute verloren gehen darf, sollte man bewusste Pausen einlegen. Meine Großmutter tat das jeden Tag. Egal, wie stark der Schneesturm daherwehte, band sie sich ihr Kopftuch zurecht, schnappte sich ihren Rosenkranz und ging nach draußen. 59 Perlen und ein Kreuz lang galt ihre Zeit dem Gebet und dem Innehalten.

Sich jeden Tag Zeit für einige Minuten Nichtstun gönnen, ist wichtig für unsere Denkleistung. Unser Gehirn braucht manchmal einen Leerlauf, um die Spreu vom Weizen zu trennen, sagt die Wissenschaft. Erst wenn keine Informationen von außen hereinprasseln, kann das Gehirn wichtige Aufräumarbeit leisten und verarbeiten, was sich über den Tag hinweg angesammelt hat. Und erst wenn wir innehalten, erkennen wir, wie langsam die Zeit eigentlich rinnt.

Unser Atem gibt den Takt vor. Einmal tief ein- und ausatmen schafft mehr Ruhe, als man glauben möchte. In einem Atemzug geht sich vieles aus. Apnoetaucher gleiten dabei bis zu 160 Meter in die Tiefe. In einem durchschnittlichen Zug legt man etwa 330 Meter mit einem Mal Einatmen zurück.

Der Takt der Zeit bleibt immer gleich. Nur wie wir ihn empfinden, ist uns selbst überlassen. Und diese Empfindung ändert sich mit zunehmendem Alter, sagen Experten. Als Kleinkind scheint die Zeit einen gemütlichen Gang zu haben. Wir haben genug damit zu tun, uns in neuen Situationen zurechtzufinden. Je älter wir werden, desto mehr schleicht sich Routine ein. Ein Jahr nach dem anderen eilt an uns vorbei, ohne anzuhalten.

Dagegen hilft nur innehalten. Und das kann bei jedem ganz unterschiedlich aussehen. Die einen finden Ruhe in der Natur, möglichst außer Reichweite von Menschen. Dabei lassen sie mit den Wolken Gedanken vorbeiziehen. Andere steigen ins Bad oder versinken in Büchern. Wieder andere finden Ruhe in der Beschallung. Oder gehen selbst ans Werk. Schon in der Kirche gingen Innehalten und Singen seit jeher Hand in Hand.

Wir sollten die Geschwindigkeit des Lebens nicht ständig erhöhen, das passiert von allein. Nur mit ein bisschen mehr Müßiggang kann es endlich ein wenig still werden zur Heiligen Nacht.

Aufgerufen am 23.11.2020 um 08:05 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/gruene-weihnachten-ein-schrei-nach-ruhe-62246506

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